Nehmen wir an, die Meeresspiegel steigen weiter, die Ozeane überfluten Straßen und Häuser, ganze Städte versinken im Wasser. Und irgendwann in noch fernerer Zukunft werden einzelne Gebäude dieser Unterwasserwelt wieder an Land gespült, sozusagen als Ruinen einer längst vergangenen Zukunft.
Dieses fiktive Szenario haben Tatiana Bilbao und das Team ihres Studios in Mexico City für den Entwurf des Sea of Cortez Research Centre angenommen. Das Meeresforschungs- und Bildungszentrum in Mazatlán hat die Aufgabe, das Ökosystem des Pazifiks und seiner Küste zu erforschen und die bedrohten Spezies am Golf von Kalifornien, der durch seine weltweit einzigartige Artenvielfalt bekannt ist, zu erhalten. Seinen Besucherinnen und Besuchern bietet das Zentrum im nordmexikanischen Bundesstaat Sinaloa eine kontemplative Erfahrung. Außerdem können sie die sensible Natur der Meeres- und Küstenwelt in Dauer- und Wechselausstellungen erkunden und genauer kennenlernen.
Ruinen aus der Zukunft
Architektur als Storytelling und ein Gebäude aus der Zukunft in der Sprache einer Ruine: Die monumentalen Betonstrukturen der Forschungseinrichtung sind in orthogonalem Raster angeordnet und bis zu 22 Meter hoch. Sie sind in den weitläufigen öffentlichen Central Park eingebettet, der vor drei Jahren an der Küste Mazatláns eröffnet wurde, und gehen in seine Topografie über. Die dunkle rotbraune Pigmentierung des Betons ist innen wie außen einheitlich. Der erste Eindruck des brutalistisch anmutenden Gebäudes mit 17 000 m2 Fläche erinnert an eine Naturgewalt. Treppen und Rampen durchziehen die vier Ebenen bis hinauf zur grünen und belebten Dachlandschaft. Üppige tropische Flora umwuchert die Mauern des ungewöhnlichen Neubaus und eignet sich das Gebäude auf seine Weise an. „Wir können die Natur nicht kontrollieren, weil wir selbst ein integraler Teil von ihr sind“, so Tatiana Bilbao. Mit der Architektur des Meeresforschungs- und Bildungszentrums will die mexikanische Architektin eine versöhnliche Geste setzen. Das Gebäude und sein poetischer Ausdruck sollen die Hoffnung wecken, dass die Menschen wieder in ihr ursprüngliches Ökosystem reintegriert werden können, um als Spezies auf dem Planeten zu überleben.
Unterwasserwelten
Vom Dach aus, das Besucherinnen und Besucher über eine große Treppe erreichen, steigen sie für den Rundgang hinunter in die immersive Welt der bunkerartigen Räume. An einzelnen Stellen streuen riesige Öffnungen in den Betondecken, die bis zu 55 cm dick sind, Tageslicht in den Untergrund. Offene Durchgänge und Wendeltreppen verbinden die einzelnen Säle und Ebenen. Das Ausstellungsprogramm ist in die Ökosysteme des offenen Meeres, der Küste und der Unterwasserwälder gegliedert; der Parcours bleibt durchlässig und flexibel. Riesige, teils raumhohe Aquarien sind in die Säle integriert, sie machen die schillernde Unterwasserwelt ohne Distanz und aus der Nahsicht erlebbar. Die Acrylgläser der großen Wassertanks wurden in Japan hergestellt und unter technisch anspruchsvollen Bedingungen auf der Baustelle vor Ort montiert. Vorgefertigte Betonträger als Abdeckung schützen die meisten Aquarien.
Meeresexpertise
Während des gesamten Planungs- und Bauprozesses wurde ein interdisziplinäres Team, in dem sich auch Meeresbiologinnen befanden, für technische und praktische Fragen konsultiert. So konnten die eingesetzten Materialien vorab geprüft und die exakte Lage und Ausrichtung der großen Aquarien bestimmt werden. Die Forschungs- und Verwaltungseinheiten der Institution liegen im dritten Obergeschoss. Im ersten Stock befinden sich die Technik- und Equipmenträume für die Wasserbecken.
Es versteht sich von selbst, dass Ruinen aus der Zukunft keiner herkömmlichen Gebäudetypologie zugeordnet werden können. Tatiana Bilbao meint: „Die Geschichte des Gebäudes wurde vor langer Zeit erzählt, aber vielleicht können wir sagen, dass sie erst noch beginnen muss.“
