In Büchern zur Baukonstruktion wird das Kapitel Dächer gerne damit eingeleitet, der obere Abschluss eines Hauses habe die Aufgabe, das Gebäude vor Regen, Schnee und Wind, vor Hitze und Kälte zu schützen. Erinnert man sich an das Konzept von Abbé Laugiers Urhütte, dann bestand das erste Gehäuse der Menschen nur aus "einem Dach überm Kopf", wie eine saloppe Redensart die Mindestanforderung an eine feste Bleibe definiert. Zum Aufenthalt war der Raum unter den traditionellen Hausdächern nicht vorgesehen. Hier lagerten und trockneten die Bauern ihre Ernte, und die Kaufleute speicherten ihre Waren hinter den Giebeln ihrer Kontore. Später waren die Hausbewohner froh über so einen leeren Dachboden. So ein luftiges Kaltdach eignete sich hervorragend zum Wäschetrocknen - oder um verbotener Weise Sperrmüll zu deponieren. Im Berlin der Gründerzeit diente das zur Straße hoch aufragende Satteldach der Selbstdarstellung des Hausbesitzers. Hinter der Firstlinie knickte die anmaßende Geste zusammen und näherte sich mit einem flachen Pappdach dem Hinterhof. Wer sich hier ein Notgelass einrichtete, gehörte zu den Schlusslichtern der Gesellschaft oder suchte sich über den bürgerlichen Etagen ein Zuhause, um den unterhalb geltenden Werten und Ordnungen zu entkommen. Romanciers und Stückeschreibern diente die Dachstube - dicht am Himmel, nahe zur Hölle - als idealer Ort, um das Abenteuer einer Handlung anzulegen und literarisch Gesellschaftskritik zu üben.
Vom Verbot zum gestalterischen Wildwuchs
Wir kommen in die Gegenwart, bleiben in Berlin. Bis zum Jahr 1981 war der Dachausbau in Mietshäusern verboten. Angespornt durch die Dissertation von Olaf Piechottka, der unter den Dächern einen massenhaften Zugewinn an Wohnraum versprach, änderte der Senat seine Haltung. Es stellte sich heraus, dass das Verbot nicht auf gesetzlichen Bestimmungen beruhte, sondern auf einer planungsrechtlichen Ermessensentscheidung über die wünschenswerte innerstädtische Dichte. Die neue liberale Auslegung der Baunutzungsverordnung wurde über die Bezirke hinweg festgeschrieben, indem der Senat als höhere Instanz einen positiven Bescheid zusicherte. Welche ästhetischen, bautechnischen und sozialen Gewalttätigkeiten durch die geförderten und auflagenfreien Genehmigungen damit losgetreten wurden, ist inzwischen beim Blick nach oben unübersehbar.
Akzeptabel sind die Beispiele, bei denen die Veränderung auf dem Dach mit der Fassade korrespondiert. Zunächst gilt in der Höhe nämlich das Gleiche wie bei der Schließung einer Baulücke: Entweder setzt der Ausbau die Räson des Gebäudes unauffällig fort und tut so, als sei es schon bei seiner Gründung bis unter den First in einem Zug entstanden. Oder es gelingt eine harmonische Fortschreibung, wenn man die Veränderung zwar erkennbar zeitgenössisch interpretiert, aber dem Fassadenkanon treu bleibt. Eine Möglichkeit ist, kleine denkmalgeschützte Giebelfenster zu belassen und zusätzlich Licht über einen seitlichen Terrasseneinschnitt zu holen, und anstatt Dachflächenfenster leichtsinnig zu verteilen, neue Öffnungen zu einer glatten, ruhigen Schrägverglasung zusammenzufassen. Für Gauben hat Karljosef Schattner vorbildliche Lösungen entwickelt. Sie lagern nicht wie abgestellte Hundehütten auf den Ziegelschrägen, sondern stehen als lichtspendende Kästen über der Traufe, dreiseitig mit geklebten Scheiben geschlossen und an der Stirn mit einem hölzernen Öffnungsflügel versehen. Denn neben aller innenräumlichen Raffinesse geht es beim Ausbau eines Dachs um die Ansicht. Peter Haimerl schaffte es beim Umbau des Schusterbauernhauses im München Alt-Riem, das ruinöse Gebäude wieder mit einem ungestörten Ziegelsattel zu schließen, darunter verbirgt sich jedoch ein eingeschobenes Betonprisma, das die Neigung der Dachflächen als skulpturale Gegenform nach unten fortsetzt und beiden Wohnungen aufregende Raumskulpturen beschert. Von außen sieht man davon nichts.
Arbeiten unterm Dach - puristisch oder expressiv
Ein Dachausbau wird aber nicht dadurch interessant, dass man mit großem Aufwand ein Gehäuse annektiert und zeitgemäßen Komfort implantiert. Stattdessen kann es spannend sein, sich täglich mit der sperrigen Umgebung, unter offenem Gebälk, auf knarrenden Bohlen, zwischen herumstehenden Pfosten, bei bescheidenen Tageslichtverhältnissen zurechtzufinden. Das wird man keinem Auftraggeber anbieten, so hausen Architekten nur in ihrem eigenen Büro. Es ist ein Erlebnis, einmal die Kollegen Beer Bembé Dellinger in ihrem ehemaligen Zehntstadel zu besuchen und freihändig die steile Stiege zu erklimmen.
Allerdings gibt es keine Moral, beim Umbau eines Dachs jeder eigenschöpferischen Leistung zu entsagen. Coop Himmelb(l)au schufen mit ihrem Dachausbau in Wien eine international anerkannte Inkunabel der zeitgenössischen Architektur. Statt den gründerzeitlichen Zierrat zu interpretieren, passiert die hier eingerichtete Kanzlei "eine Energielinie, die, von der Straße kommend, das Projekt überspannt, das bestehende Dach zerbricht und damit öffnet", erläutern die Architekten. Der Begriff Dachschräge erhält in diesem Fall eine semantische Mehrfachcodierung. Genehmigt werden konnte der Entwurf erst, nachdem ihn der Magistrat als Kunstwerk deklariert hatte. Und dabei blieb es, weil, wie Insider versichern, die neuen Räume im Winter zu kalt und im Sommer unerträglich heiß werden.
Wohnlandschaft statt Satteldach
Inzwischen werden auch Häuser aus der Nachkriegszeit mit einem Dachaufbau erweitert. Penthouse heißt das im Maklerjargon. Delugan Meissl gaben ihrer alusilber schimmernden Dachfaltung die lyrische Interpretation mit, die Ebene zwischen Himmel und Erde solle nicht als Begrenzung verstanden werden, sondern als eine durchlässige Zone, in der das Leben stattfinden kann. Ihr Leben - es ist die eigene Wohnung der Architekten, die sich auf einem Bürohaus aus den 1960er Jahren ausbreitet. So ein freigeräumtes Flachdach bietet sich zur innerstädtischen Nachverdichtung geradezu als neutraler Boden an. In Kopenhagen errichteten JDS Architects darauf nicht nur drei Apartments, sondern legten eine abenteuerliche Gartenlandschaft an, sie schwingt sich demonstrativ mit Wiesenhügeln in die Höhe, um die fehlende Grünfläche am Boden wettzumachen.
Neuer Baugrund: Parkhausdach und Stelzen
Doch zusätzliche Nutzfläche muss nicht unbedingt Wohnraum bieten. Bei der Salvatorgarage in München veredelte Peter Haimerl die schnöde Aufstockung durch ein unregelmäßig ausgeschnittenes Stahlgitter wie mit einem kunstvollen Spitzenkleid. Parkhäuser scheinen inzwischen ein legitimer Baugrund zu sein. In Hannover trug das Team Cityförster über den gestapelten Pkw-Stellplätzen mit zwölf Bungalows zur Nutzungsmischung bei. Diese Wohnkrone wird von einem gemeinschaftlichen Hof erschlossen, von der Straße bleibt die neue Funktion hinter dem hermetischen Fassadenkranz auf der Siedlungsebene 2.0 verborgen. In der Südstadt von Nürnberg stellten querwärts Architekten auf der zehnten Ebene eines Parkhauses aus den 1970er-Jahren eine hölzerne Kindertagesstätte. Sie öffnet sich mit einer riesigen Freifläche - und kein Anwohner kann sich über Lärm beklagen.
Bei einigen Eingriffen aus jüngster Zeit geht es weniger um eine Nutzung des Dachs als um den unentbehrlichen, aber eigentlich gar nicht vorhandenen Standort, was bei der brisanten Diskussion um städtebauliche Nachverdichtung ein willkommener Beitrag ist.
In München stemmten Steidle Architekten eine Medienbrücke als neue Bautypologie auf zwei Erschließungskernen über die vorhandene Hinterhofbebauung. Dass das auch mit tanzenden Rohrstützen gelingt, demonstrierte Will Alsop beim Ontario College in Toronto. Sein pixeliger Kasten für das Sharp Centre for Design balanciert über der Dachlandschaft der viktorianischen Kunsthochschulgebäude und hält den öffentlichen Raum zu ebener Erde frei. Grenzwertig für die Definition einer Dachbebauung sind Aufstockungen, die die vorhandene Basis um ein Vielfaches in der Höhe überragen und erst durch in den Baugrund reichende Substruktionen Halt finden. Immerhin kann das Landesarchiv NRW im Duisburger Hafen von O&O Baukunst mit seinem fensterlosen Speicherturm den Anspruch eines Wahrzeichens reklamieren. Dabei handelt es sich eindeutig um Architektur.
Nutzungsvielfalt versus gestalterische Einheit?
Tatsächlich werden die Dächer in unseren Altstädten mehr und mehr zu Versorgungsflächen für technische Infrastruktur. Antennen, Satellitenschüsseln, Entlüfter, Holzofenkamine, Kollektoren und Photovoltaik werden planlos neben kuriosen Balkonaustritten verteilt. Man kann sagen, die Nicht-Wohnfunktion eines Dachs wird zunehmend wichtiger. Während ehemals das "Dach über dem Kopf" dazu diente, Schutz vor den Unbilden des Wetters zu bieten, reagiert es heute mit raffinierten Aufbauten auf Klima und meteorologische Ereignisse. Bei Flachdächern erkennen Architekten immerhin ihre gestalterische Verantwortung für "die fünfte Fassade" und versuchen, den Wildwuchs von Rückkühlwerken und Abluftkaminen zu bändigen. Bei traditionellen Ziegeldächern in Altstadtquartieren konkurriert der gute Wille zur passiven Energiegewinnung mit der Verantwortung für die Erhaltung eines ungestörten städtischen Ensembles. Hier ist auf jeden Fall die Zuwendung eines Architekten gefragt. Es gibt Indach-Lösungen, die Solarmodule rahmenlos in die Dachhaut integrieren und mit einem transparenten Überstand zu einer eleganten Giebelkontur führen. Beim Museum für Archäologie in Herne ist das den Architekten von Busse Klapp Brüning mit der Konstruktion der Dachsheds vorbildlich gelungen.
Auch Gründächern kann man nicht vorbehaltlos die Absolution erteilen. Sie sind ein Bestandteil der Architektur und kein einmalig abgeladenes weltanschauliches Attribut. Überhaupt muss man fragen, wem bei Mehrfamilienhäusern das Dach eigentlich gehört und wer durch Ausbau, Aufstockung oder die Montage von Antennen langfristig Vorteile genießt. Es sollte nicht zur Regel werden, was Wiener Architekten ihrem Bauherrn vorgeschlagen haben: Das Dach als Werbefläche zu vermieten sei lukrativer als Photovoltaikpaneele installieren. Wir sagten es bereits: Über der Traufe gilt dasselbe wie zu ebener Erde. Auch im Negativen.
