Szenenwechsel: Messedesign in Mailand

Inmitten unzähliger Installationen, die auf dem diesjährigen Salone del Mobile in Mailand präsentiert wurden, glänzten viele durch Raffinesse und Einfallsreichtum. Manche setzten auf Hightech oder kokettierten mit großen Budgets, andere hatten einen eher theatralischen Anspruch und erzielten mit Licht- und Toneffekten oder minimalem Materialaufwand eine große Wirkung.

Szenenwechsel: Messedesign in Mailand
Installation für Vitra Design: Hella Jongerius, Utrecht © CasaVitra at Fuorisalone, Foto: Eduardo Perez © Vitra

Der deutsche Lichtdesigner Ingo Maurer verwandelt ein architektonisches Kultobjekt, das Hochhaus Torre Velasca in Mailand, für die Automarke Audi in einen strahlend roten Leuchtturm; der japanische Architekt Sou Fujimoto bestückt für die Modemarke COS einen verlassenen Kinosaal aus den 30er-Jahren mit einem interagierenden Lichterwald, und die bezaubernde Installation des japanischen Uhrenherstellers Citizen stellt den Lauf der Zeit durch 120 000 glitzernde Uhrenteile dar, die scheinbar frei im Raum schweben. Der vielleicht interessanteste Aspekt der diesjährigen Messe ist jedoch der Innovationsanspruch, mit dem etablierte Möbelmarken temporäre Messestände und Ausstellungsräume architektonisch motiviert umsetzen.

Hay: »Versunkene« Kabinette

Der dänische Möbelhersteller beeindruckt die Salone-Besucher mit einer vielschichtigen Ausstellung im La Pelota, einer ehemaligen Sportanlage im schicken Mailänder Stadtteil Brera. Anders als bei den vertikal ausgerichteten Installationen der vergangenen Jahre entschied sich der dänische Architekt Leif Jørgensen, »nach unten zu graben« und die ungewöhnliche, abgesenkte 2500 Quadratmeter große Bestandsfläche »zu einem wichtigen Teil der Ausstellung werden zu lassen«. Jørgensen präsentiert die neuesten Kollektionen der Firma in einem Labyrinth aus zehn »versunkenen« Räumen, die man von höher gelegenen Laufstegen einsehen und über mehrere Treppen erreichen kann. »Es soll sich wie ein 3D-Hay-Katalog anfühlen, den man aus einiger Entfernung beobachten und in den man hineingehen kann«, erklärt er; als inspirierende Bilder tauchten im Gestaltungsprozess auch die Begriffe Architekturmodell und Puppenhaus auf. Am Ende entstanden zehn farblich unterschiedliche Räume und fünf angrenzende Podien aus den bescheidensten Materialien — Kautschuk für die begehbaren Flächen, MDF und Spanplatten für die Wände —, gefertigt in einem bemerkenswert hohen Standard; jeder Bereich wirkt dadurch wie ein kleines Apartment. Durch die Platzierung der Installation unter Bodenniveau entsteht ein Gefühl der Vorfreude: »Wenn man durch die Türen geht, sind nur kleine Ausschnitte der Räume sichtbar. Das regt dazu an, sie zu entdecken«, so Jørgensen.

Vitra: Farbenfrohe Spielwelt

Der Schweizer Möbelhersteller Vitra stellt sowohl auf der »Fiera« aus als auch in einem eleganten Palazzo aus dem späten 19. Jahrhundert nahe des Corso Como. Im Mittelpunkt stehen hier die Farb- und Textilkollektionen, gestaltet von der niederländischen Designerin Hella Jongerius. Durch seine großen Raumhöhen ermöglicht das Gebäude ein interaktives und verspieltes Ausstellungskonzept, das zum Mitmachen animiert: Vier übergroße Kreisel zeigen unterschiedliche Farbwelten und können von den Besuchern ebenso in Bewegung gesetzt werden wie neun von der Decke hängende Räder, die aus Elementen klassischer und zeitgenössischer Vitra-Möbel bestehen — von Jean Prouvés EM Table über den Eames Lounge Chair bis hin zu Antonio Citterios ID Chair. Besonders faszinierend sind die beiden geometrisch reizvollen Räder aus kunterbunten Teilen des Panton Junior Chair und des Eames Plastic Chair. »Wir hatten die Idee zu den ›Spinning Wheels‹, weil wir auf dynamische Art und Weise Material und Farbgebung visualisieren wollten«, erklärt Bas Van Tol, Verantwortlicher für die Gestaltung der Installation.

Kvadrat: Ausschnitte und Einblicke

Dezent und kompakt, texturiert und fühlbar, intim und dunkel: »Wir wollten etwas Zurückhaltendes kreieren, dessen Vielschichtigkeit nur von innen erkundbar ist«, so die Designer Lyndon Neri und Rossana Hu. »Die Formgebung des Raumes wurde schlicht gehalten, um die außergewöhnlichen Farben und Stoffe hervorzuheben, die Kvadrat ausmachen.« Von außen ähnelt der dunkelblaue Stand einem schwebenden Körper mit beleuchteten fensterähnlichen Einschnitten. Der 10 x 13 Meter große Innenraum wurde mit schweren Eichenpaneelen der dänischen Marke Dinesen ausgekleidet; die Inneneinrichtung besteht aus einer Reihe von Lounge-, Essens- und Ausstellungsbereichen; die von Neri & Hu entworfenen maßgefertigten Vitrinen und Tische aus amerikanischem Walnussholz und Glas von De La Espada dienen als Ausstellungsflächen für die Produktpräsentation. Die Beleuchtung besteht aus Strahlern, Pendel- und Standardfunktionsleuchten von Neri & Hu, die Intimität und Wohlbefinden evozieren. Mit Stoffen ausgekleidete Nischen in der Decke sollen Einblicke in andere Farbenwelten geben: »Während man unten sitzt und die Stoffe auf den Tischen und Regalen berührt, blickt man hinauf, erahnt eine Textur in den Deckennischen und bekommt das Verlangen, ›mit den Augen zu fühlen‹ «, erklären die Architekten. Obwohl der ganze Stand wiederverwendbar ist, wurde er wie ein richtiges Gebäude konstruiert: als Leichtbau mit auf Holzrahmen montierten, gepolsterten Wandelementen.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.