Wie viele andere trocken-heiße Klimazonen besitzen auch weite Teile des Mittleren Ostens ein reiches Erbe an traditionellen Bauformen mit natürlicher Lüftung und passiver Kühlung. In der Kolonialzeit war dieses Erbe weitgehend ignoriert worden. Nach deren Ende prägten vor allem zwei Faktoren die gesellschaftliche Entwicklung in den unabhängig gewordenen Staaten: die Suche nach einer nationalen Identität und der geringe Industrialisierungsgrad der Region. Angesichts dieser Situation suchten die wenigen Architekten, die sich mit nachhaltigem Bauen befassten, fast unvermeidlich nach Lösungen mit geringem Technisierungsgrad und nutzten die traditionelle Architektur als wichtige Inspirationsquelle.
Die seit den 90er-Jahren anhaltenden Diskussionen um Nachhaltigkeit und Klimawandel fanden allmählich auch in der arabischen Welt politischen Widerhall. Doch die gegenwärtigen Beweggründe nachhaltiger Entwicklung unterscheiden sich nicht nur von jenen der postkolonialen Zeit; sie haben auch andere Schwerpunkte als in Europa und Nordamerika. Dort liegt die Betonung vor allem auf CO2-Vermeidung und Ressourcenschonung, während man gleichzeitig bestrebt ist, den eigenen Wohlstand und sozialen Zusammenhalt zu wahren. In Nordafrika und dem Mittleren Osten hingegen wirken eine Reihe von Faktoren zusammen, die nachhaltiges Wirtschaften gleichsam erzwingen. Der hohe Energiebedarf in Gebäuden, schwindende Wasserressourcen, der politische Wille, sich verantwortungsbewusst zu zeigen, und der enorme wirtschaftliche Entwicklungsdruck in der Region sind die wichtigsten von ihnen.
Den größten Handlungsdruck verursacht der steigende Energieverbrauch. In der Vergangenheit waren niedrige – oft staatlich subventionierte Energiepreise – die Regel. Heute belastet das starke Wachstum der Städte und des städtischen Energiebedarfs die Staatshaushalte und Energieinfrastrukturen gleichermaßen. Saudi-Arabien, so wird geschätzt, verbraucht schon jetzt ein Drittel der eigenen Ölförderung, um seinen Energiehunger zu stillen. Bis 2030 dürfte dieser Anteil auf 50 % steigen, sofern sich die Verbrauchsgewohnheiten nicht ändern. Zwei Faktoren machen den verschwenderischen Umgang mit Energie noch problematischer: Zum einen steht »Peak Oil«, das weltweite Maximum der Erdölförderung, bevor, und zum anderen stoßen alle Bestrebungen, die Energiesubventionen zu kürzen, auf vehementen Widerstand der Bevölkerung. Beides reduziert den Handlungsspielraum der Politik, um energiebedingte Wirtschaftskrisen abzuwenden. Umso stärker fokussiert die Energiepolitik daher den Gebäudebereich, zumal Einsparungen hier oft kosteneffizient zu realisieren sind.
Ebenso wichtig wie der Energieverbrauch ist der Wassermangel. Die Region besitzt weltweit die geringsten Ressourcen an erneuerbarem Süßwasser pro Einwohner. Viele Länder nutzen fossile Wasserreservoire oder energieintensive Meerwasserentsalzung zur Trinkwasserversorgung. Die Verbrauchsgewohnheiten spiegeln jedoch oft noch nicht den realen Mangel wider. Für Ägypten etwa, das jahrzehntelang zwei Drittel des Nilwassers nutzte, wird ab 2017 zunehmender Wassermangel prognostiziert. Abu Dhabi, ein Land ohne eigene Süßwasserresourcen, verbraucht bereits über die Hälfte seines Energiebedarfs für die Meerwasserentsalzung.
Die dritte Triebfeder nachhaltiger Entwicklung ist die Eigeninitiative von Politik und Wirtschaft. Viele Regierungen haben die Förderung nachhaltiger Technologien als Möglichkeit erkannt, die Wirtschaft zu diversifizieren und ihr politisches Ansehen zu steigern. Global agierende Unternehmen und Projektentwickler zeigen ihrerseits steigendes Interesse an Immobilien, die sich als »nachhaltig« vermarkten lassen.
Ebenso wie die Beweggründe nachhaltiger Entwicklung in der arabischen Welt haben sich auch die nachhaltigen Architekturkonzepte verändert. Sie lassen sich grob drei Kategorien zuordnen: der traditionellen, der »fortschrittlichen« und der hybriden Herangehensweise.
Traditionelle Architekturkonzepte
Der Rückbezug auf traditionelle Vorbilder dominierte vor allem die nachhaltige arabische Architektur der unmittelbaren Nachkolonialzeit. Einer ihrer führenden Köpfe war der ägyptische Architekt Hassan Fathy (1900 –1989). Fathy und seine Schüler entwarfen Gebäude aus regional verfügbaren Materialien, oft mit Innenhöfen, die große thermische Speichermassen besaßen und einfache Methoden der Verschattung, natürlichen Lüftung und Verdunstungskühlung nutzten.
Obwohl Fathy und seine Nachfolger sich in ihrer Haltung zu Energiefragen stark unterschieden und die traditionellen Techniken mit unterschiedlichem Erfolg anwandten, galten sie gemeinsam als Wiederentdecker lang vergessenen traditionellen Wissens. Ihr Erfolg blieb aufgrund von Schwächen ihrer Herangehensweise jedoch begrenzt. Dazu zählten ihre oft rein formale Anwendung traditioneller Bauelemente, ihre pauschale Zurückweisung moderner Technologien, die niedrigen Anforderungen, die sie an das Innenraumklima ihrer Gebäude stellten, und ihr Festhalten an der Rolle des »Baumeisters« ohne Interesse an interdisziplinärer Zusammenarbeit. In der Realität blieben ihre Bauten oft deutlich hinter der behaupteten, gleichsam architekturimmanenten Energieeffizienz zurück.
Als die globale Nachhaltigkeitsbewegung daher in der arabischen Welt Fuß zu fassen begann, schwand der Einfluss der Traditionalisten zugunsten zweier neuer Strömungen: der fortschrittlichen und der hybriden Herangehensweise.
Die »fortschrittliche« Herangehensweise
Diese stärker technologiegetriebene Haltung hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem in Europa und Nordamerika durchgesetzt. Sie zeichnet sich durch eine Aufgeschlossenheit gegenüber Zukunftstechnologien, aber auch ein geringes Interesse an traditionellen Bauformen aus. Große Glasflächen und gebäudeintegrierte Systeme zur regenerativen Energiegewinnung sind Merkmale der Gebäude. Eng umgrenzte Anforderungen an das Raumklima haben zu luftdichten Gebäudehüllen und oftmals zu einem Verzicht auf natürliche Fensterlüftung geführt. Der hohe Technisierungsgrad trägt dazu bei, dass viele Gebäudekomponenten aus dem Ausland importiert werden müssen.
In der arabischen Welt sind in den vergangenen 20 Jahren nur wenige Bauten entstanden, die der »fortschrittlichen« Herangehensweise zuzuordnen sind. Dazu zählen das von Atkins entworfene World Trade Center in Bahrain mit seinen drei gebäudeintegrierten Windturbinen und der Al Faisaliah Tower in Riyadh (Foster and Partners), der mit einer leistungsfähigen Glasfassade sowie einem hoch komplexen, energieeffizienten Lüftungssystem aufwartet. Ebenfalls zu dieser Strömung gehören die National Commercial Bank in Jeddah (SOM) und zahlreiche nicht realisierte Entwürfe aus der Zeit vor der Weltfinanzkrise wie der Burj Al-Taqa Tower in Dubai von Gerber Architekten aus Dortmund.
Das Auftreten der Hightech-Architektur in den arabischen Ländern wurde dadurch begünstigt, dass das Wissen um nachhaltiges Bauen bei den einheimischen Architekten eher unterentwickelt war. Dies hinterließ ein regelrechtes Vakuum, das ausländische Großbüros füllen konnten. Fast folgerichtig orientierten sich die Neubauten auch formal an ausländischen Vorbildern. Inzwischen jedoch wirft die Importarchitektur zunehmend Fragen auf – etwa nach ihrer Eignung für das heiße Klima der Region, nach der Abhängigkeit von importierten Technologien und der Wartung der importierten Anlagentechnik.
Hybride Konzepte
Diese noch recht junge Herangehensweise versucht, die Vorteile der traditionellen und der fortschrittlichen Bauweise miteinander zu verbinden. Auf diese Weise sollen sich klimatisch und kulturell angepasste Gebäude errichten lassen, die dennoch allen zeitgenössischen Komfortansprüchen genügen. Beispiele für hybride Gebäudekonzepte sind der neue Campus der American University in Kairo (Architekten: Community Design Collaborative/Sasaki u. Sie verbinden massive, speicherfähige Konstruktionen mit Außendämmung und natürliche Lüftung – oft mithilfe von Windtürmen und Solarkaminen – mit effizienter mechanischer Kühlung. Vielfach werden auch hybride Lüftungskonzepte realisiert, die in den Übergangszeiten auf natürliche Be- und Entlüftung und in den heißen Jahreszeiten auf eine mechanische Lüftung mit entsprechender Kühlung setzen.
Auch in puncto erneuerbare Energien schlagen die hybriden Konzepte einen Mittelweg zwischen der traditionellen Architektur – die die aktive Solarenergienutzung generell ausklammert – und der Hightech-Architektur ein, die erneuerbare Energien zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Nachhaltigkeitskonzepte macht. In hybriden Gebäudekonzepten sind erneuerbare Energien die letzte Möglichkeit, die Energiebilanz eines Gebäudes zu verbessern, nachdem alle Einsparpotenziale in der Gebäudehülle und der Anlagentechnik ausgeschöpft sind.
Auf den ersten Blick spiegeln die Gebäude dieser Kategorie lediglich einen weltweiten Trend in der Architektur wider, der der Hochtechnologie vergangener Tage den Rücken kehrt und sich wieder auf einfachere, weniger anfällige Gebäudekonzepte besinnt. In ihrer Bezugnahme auf Klima und Bautradition besitzen sie jedoch einen spezifisch regionalen Charakter. Das schließt auch die Planung mit ein, bei der oftmals ortsansässige Architekten mit international agierenden Kollegen und Fachplanern zusammenarbeiten und bei der so ein Wissenstransfer aus Europa und Nordamerika in die Region stattfindet.
Regionale Vorreiter
So unterschiedlich die Herangehensweisen an nachhaltige Entwicklung, so verschieden sind auch deren Akteure in der Region. Diese Vielfalt reflektiert wiederum die sozioökonomische Realität in den Ländern, aus denen sie stammen. In Ländern mit relativ stark entwickelter Zivilgesellschaft wie Jordanien und dem Libanon treiben vor allem die klassischen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Berufsverbände die nachhaltige Entwicklung voran. Sie arbeiten oft als »Graswurzelbewegung« von unten, entwickeln ökologisches Bewusstsein in der Bevölkerung, sind in der beruflichen Fortbildung und in den nationalen Organisationen für nachhaltiges Bauen (Green Building Councils) aktiv.
In Ländern mit ausgeprägter zentraler Bürokratie hingegen stammen die wichtigsten Akteure meist aus dem Umkreis staatlicher Forschungsinstitute und Ausbildungsstätten. Ägypten ist hierfür das beste Beispiel, wo der nationale Green Building Council Teil einer Regierungsorganisation ist und sich vor allem mit der Entwicklung von politischen Instrumenten und Regulierungssystemen – etwa Energiestandards und Zertifizierungssystemen für Gebäude – befasst.
Zwischen den beiden Extremen existieren zahlreiche weitere Konstellationen. Teils haben Architekten- und Industrieverbände Organisationen für nachhaltiges Bauen gegründet, während die Regierungsinstitutionen vor allem die Entwicklung von Energievorschriften vorangetrieben haben. Dies war zum Beispiel in Dubai, Saudi-Arabien und Marokko der Fall. Teilweise existieren staatliche und privatwirtschaftliche Initiativen parallel, wie in Katar und Abu Dhabi. In Katar organisiert der staatliche Green Building Council vorwiegend Diskussions- und Fortbildungsveranstaltungen und betreibt Lobbyarbeit für nachhaltiges Bauen, während die privatwirtschaftlich organisierte Gulf Organisation for Research and Development ein Zertifizierungssystem für nachhaltige Gebäude entwickelt hat.
In Abu Dhabi hat der städtische Rat für Stadtplanung das Estidama-System entwickelt, eine Kombination aus Leitfaden und verpflichtendem Bewertungssystem für nachhaltiges Bauen. Gleichzeitig trieb die Regierung die Gründung kommerzieller Einrichtungen wie des Masdar Institute voran, das mit seinen Investitionen in erneuerbare Energien und Pilotprojekte als Katalysator für die nachhaltige Entwicklung des Landes wirken soll. Die bislang medienwirksamsten Pilotprojekte waren sicherlich die Nullenergiestadt Masdar City und einige ihrer zentralen Bauten.
Daneben ragen in der Region vor allem die Bildungsbauten als Leuchtturmprojekte nachhaltigen Bauens heraus. Unterrepräsentiert sind hingegen kommerzielle Bauvorhaben wie Einkaufszentren oder Hotels sowie Wohnbauten, vor allem solche aus dem unteren Preissegment. Zwar gibt es in Ägypten erste Forschungsvorhaben für bezahlbaren, nachhaltigen Wohnungsbau, doch bislang sind daraus keine realisierten Gebäude hervorgegangen. All dies deutet darauf hin, dass noch zahlreiche Hindernisse zu bewältigen sind, bis nachhaltiges Bauen im arabischen Raum tatsächlich zu einem Phänomen des Massenmarkts geworden ist.
Herausforderungen für die Zukunft
Von allen planerischen Herausforderungen, die sich im arabischen Raum stellen, ist das extreme Klima sicherlich die wichtigste. Nachhaltige Strategien, wie damit umzugehen ist, existieren zwar; sie haben jedoch oft erhebliche Auswirkungen auf Gebäudeform und Baukosten. Zum Beispiel steigert die Kombination passiver und aktiver Kühlung sowie natürlicher und mechanischer Lüftung tendenziell die Baukosten. Und nicht jeder Investor akzeptiert eine (aus Sicht der Energieeffizienz sinnvolle) Einschränkung der Fensterflächen, insbesondere bei Hochhäusern. Es ist daher nicht unüblich, dass Planungsteams im Laufe der Projektbearbeitung von ihren anfänglichen nachhaltigen Ambitionen abrücken und zu erprobten, aber energetisch ineffizienteren Lösungen zurückkehren.
Ein erhebliches Hindernis bilden auch die in der Region noch immer verbreiteten subventionierten Energiekosten, die die Bemühungen um mehr Energieeffizienz direkt konterkarieren. Auch die Bauindustrie ist gegenüber Nachhaltigkeitsstandards bislang skeptisch, da energieeffiziente Gebäudekomponenten oft nicht ohne Weiteres lieferbar sind und höhere Kapitalkosten verursachen. Herausforderungen bestehen darüber hinaus im Planungsprozess selbst. Noch immer sind Kenntnisse in puncto klimagerechtes Bauen bei den Architekten der arabischen Länder kaum verbreitet und werden in den Hochschulen selten gelehrt. All dies führt nach wie vor zu einer gewissen »Importabhängigkeit« in der Planung nachhaltiger Gebäude.
Nichtsdestotrotz gibt es Anzeichen, dass sich das Blatt allmählich wendet. Kooperationen einheimischer mit ausländischen Architekten werden häufiger, und das Interesse insbesondere junger Architekten am nachhaltigen Bauen ist groß. Zumindest die Wissenslücken der regionalen Planer sollten sich daher kurz- bis mittelfristig schließen lassen. Auch die Mehrkosten für nachhaltiges Bauen dürften sich künftig in dem Maße verringern, wie verpflichtende Energiestandards für Gebäude eingeführt werden, hybride Gebäudekonzepte weitere Verbreitung finden und die dafür erforderlichen Gebäudekomponenten stärker nachgefragt werden. Je weiter aber die Investitionskosten für nachhaltiges Bauen sinken, desto stärker werden Einsparungen bei den Energie- und Wasserkosten als finanzieller Anreiz für Bauherren wirken.
Noch ist die politische Entwicklung in Nordafrika und im Mittleren Osten in höchstem Maße unübersichtlich. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Länder der Region nach ihrer politischen Beruhigung noch stärker als bislang dem Thema Nachhaltigkeit zuwenden, um ihre Städte sauberer, energieeffizienter und damit lebenswerter für ihre Bewohner zu gestalten.
