Die nachhaltigsten Spiele der Geschichte?
Auf dem Papier scheinen der Begriff Nachhaltigkeit und die Spiele ein Widerspruch in sich: Die durch und durch kommerzialisierte Veranstaltung soll vor allem dem Tourismus und der darbenden britischen Wirtschaft neue Impulse verleihen. Für die an der Vorbereitung beteiligten Nachhaltigkeitsexperten ist London 2012 vor allem zweierlei: eine Gelegenheit, Nachhaltigkeitsprinzipien der Weltöffentlichkeit zu demonstrieren – und ein gigantisches Nachhaltigkeits-Bildungsprogramm für Tausende lokale Mitwirkende, von den Architekten über die Bauarbeiter bis zu den Logistikexperten.
Die Aufmerksamkeit der Medien hingegen hat sich bislang vor allem auf die sichtbaren Infrastrukturen und Gebäude konzentriert, allen voran auf die Schwimmhalle von Zaha Hadid und auf Michael Hopkins’ Radsporthalle. Insgesamt umfasst der Olympische Park im sechs Kilometer östlich der Innenstadt gelegenen Stadtteil Stratford acht Sportstätten, ein Medienzentrum und sechs Infrastruktureinrichtungen, darunter zwei Blockheizkraftwerke, ein Kleinklärwerk und zwei Pumpstationen. Hinzu kommen rund 30 Brücken und ein Geflecht neuer Wegeverbindungen und Plätze auf dem 2,5 km2 großen Areal. Unweit außerhalb des Olympischen Parks stehen das Olympische Dorf mit einer neu errichteten Schule für 1800 Schüler, die während der Spiele als Verwaltungszentrum dienen soll, und ein neues Gesundheitszentrum. Alle dauerhaft auf dem Areal verbleibenden Gebäude mussten den Standard BREEAM Excellent, das (zu Planungsbeginn) höchste Niveau des britischen BREEAM-Zertifizierungssystems, erreichen. Dennoch bilden sie letztlich nur kleine Bausteine im übergeordneten Nachhaltigkeitskonzept der Spiele.
Revitalisierung für Londons Osten
Von Beginn an zielte die Olympiabewerbung darauf ab, die ökologische Rekultivierung des Areals und die neue, energieeffiziente Infrastruktur auch mit einer sozialen und ökonomischen Revitalisierung des Londoner Ostens zu verbinden. Der Olympische Park liegt inmitten eines der ärmsten Gebiete in Großbritannien, das lange Zeit vom Schiffsbau lebte, bevor dieser vorwiegend nach Asien verlagert wurde. Nach einem halben Jahrhundert ohne wesentliche Investitionen gehören drei der vier angrenzenden Stadtteile zu den sechs ärmsten in Großbritannien. Für sie beantwortet sich die Frage nach dem Erfolg der Spiele erst lange nach der Schlussfeier – etwa dann, wenn die versprochenen 8000 neuen Wohnungen auf dem Olympiagelände tatsächlich errichtet wurden. Ferner sollen sich die angrenzenden Stadtteile langfristig zu einem »CleanTech Green Enterprise District« formieren und Technologieunternehmen aus dem Bereich Nachhaltigkeit anlocken.
Noch bis vor wenigen Jahren war der heutige Olympische Park eine Landschaft aus alten Lagerhallen und illegalen Müllkippen, die zu den verseuchtesten Industriebrachen Europas zählte. Rund 200 Unternehmen mit 5000 Mitarbeitern mussten im Zuge der Olympia-Vorbereitung umgesiedelt werden. Im Westen wird das Areal vom Fluss Lea, einem Nebenfluss der Themse, begrenzt. Der Masterplan des Büros EDAW (heute AECOM) zielte darauf ab, das Lea-Tal in Form eines neuen Landschaftsparks nach Süden bis zur Themse zu verlängern. Gleichzeitig wurde die östlich des Parks gelegene Bahnstation Stratford zum internationalen Verkehrsknotenpunkt ausgebaut. Seit 2009 hält hier auch der »Eurostar«, der London mit dem Kontinent verbindet.
Zehn Grundprinzipien
Eine wesentliche Initialzündung erfuhr das Nachhaltigkeitskonzept, als die Olympic Delivery Authority (ODA) die Organisation BioRegional und den World Wildlife Fund als Berater engagierte. Beide arbeiten seit Jahren in der Entwicklung nachhaltiger Stadtviertel zusammen, für die sie das Konzept »One Planet Living« formuliert haben. Es basiert auf zehn Grundprinzipien, die nicht nur CO2-Neutralität, die Wiederverwertung aller Abfälle und nachhaltige Verkehrskonzepte beinhalten, sondern auch (vergleichsweise) »weiche« Faktoren wie Ernährung, Gesundheit und Zufriedenheit der Nutzer.
Aus diesen zehn Grundprinzipien formulierten BioRegional und der WWF einen ersten »One Planet Olympic Games«-Plan, der allgemeine Nachhaltigkeitsziele für die Spiele beinhaltete. Er wurde in der Folgezeit in vielen Punkten relativiert: Statt der CO2-Neutralität aller Olympiabauten etwa forderte die ODA nur noch eine Minimierung des CO2-Ausstoßes. Dennoch sind viele seiner Inhalte bis heute erhalten geblieben und bildeten auch die Grundlage für die 2007 verabschiedete »Sustainable Development Strategy« der ODA. Dieses zweite Dokument gab erstmals konkret messbare Ziele (und entsprechende Messmethoden) auf Gebäudeebene vor. Manches Ziel wurde in der Folgezeit auch übertroffen: Statt wie ursprünglich geplant, 90 % aller Abbruchmaterialien aus den Vorgängerbauten auf dem Areal wiederzuverwerten, gelang dies für 98 % des Materialvolumens. Auch 20 % aller Materialien für die Neubauten und 25 % aller Betonzuschläge sind Recyclingprodukte; Holz durfte nur aus zertifizierten Quellen verwendet werden. Diese Maßnahmen zeigen ebenso den Einfluss des One-Planet-Living-Konzepts wie die Gestaltung des Landschaftsparks und die Maßnahmen zum Hochwasserschutz. Neu für die britische Baubranche war (zumindest zum Zeitpunkt der Planung) auch die Ermittlung eines CO2-Fußabdrucks für die Gebäude. Er schließt die Emissionen aus dem Gebäudebetrieb ebenso ein wie die Herstellung und den Transport der Baumaterialien sowie den Rückbau. Für fast alle Neubauten wurden über 50 % der Baumaterialien per Bahn oder Schiff auf die Baustelle transportiert.
Nicht durchsetzen konnte sich BioRegional hingegen mit dem Ziel einer regenerativen, lokalen Energieversorgung. Auf dem Areal wurde zwar ein Nahwärme- und Nahkältenetz installiert, das mit Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung betrieben wird. Genutzt werden allerdings fossile Brennstoffe – wenngleich die technische Möglichkeit besteht, später auf Biomassefeuerung umzurüsten.
Für den Rückbau entworfen
Für jede Sportstätte wurde im Vorfeld der Planung der langfristige Bedarf abgeschätzt und mögliche Nachnutzungen ermittelt. Wo die Argumente für einen Verbleib der Gebäude nach den Spielen nicht ausreichten, wurden diese von vornherein für einen späteren (Teil-)Rückbau entworfen. Die Basketball- und Wasserball-Arenen sind komplett temporäre Strukturen, während das Olympiastadion, die Schwimmhalle und die Sportanlagen in Eton Manor zu großen Teilen rückgebaut werden können. Am sichtbarsten wird diese Strategie beim Olympiastadion, dessen Kapazität nach den Spielen von 80 000 Zuschauern auf rund 25 000 schrumpfen soll. Dabei sollen sowohl der obere Tribünenring als auch das große Tribünendach demontiert werden. Alle wesentlichen Stahlverbindungen wurden daher geschraubt statt geschweißt. Das als Druckring ausgeführte Stahlfachwerk des Dachs besteht zu rund zwei Dritteln aus Rundrohrprofilen, die bei anderen Bauvorhaben übrig geblieben waren. Insgesamt beanspruchte der Bau des Stadions 3850 Tonnen Stahlrohre. Zum Vergleich: Das »Bird’s Nest« von Peking 2008 verschlang die zehnfache Menge Stahl und dient heute zwar als vielbesuchte Touristenattraktion, bleibt den größten Teil des Jahres jedoch ungenutzt.
Zu großen Teilen rückgebaut werden soll auch die Schwimmhalle von Zaha Hadid: Nur 2500 der jetzt 17 500 Zuschauerplätze werden bleiben. Hier jedoch war der Rückbau nicht von vornherein Bestandteil des Architekturkonzepts, da der Gebäudeentwurf bereits 2004 entstand, als das Nachhaltigkeitskonzept für London 2012 überhaupt noch nicht formuliert war. Das Resultat sind nun zwei ästhetisch unbefriedigende Seitenflügel mit 15 000 Plätzen, die dem Hadid-Bau temporär »aufgepfropft« wurden. Die Baukosten der Schwimmhalle stiegen während der Bauzeit von 70 auf 270 Millionen Pfund. Kritiker werfen den Olympia-Organisatoren daher vor, bei diesem Bau habe Prestigedenken über Nachhaltigkeit dominiert.
Das soziale Erbe
Seit einiger Zeit wendet sich die Aufmerksamkeit der britischen Öffentlichkeit zunehmend den langfristigen Folgen Olympias zu. Das dringendste Anliegen ist die Umwandlung des Olympischen Dorfs in ein Wohngebiet mit rund 2000 Wohnungen, von denen 1379 für sozial schwache Familien erschwinglich sein sollen. Weitere 8000 Neubauwohnungen sollen nach 2013 in anderen Teilen des Parks entstehen. Damit verbinden sich zwei große Herausforderungen. Zum einen müssen für die zu bebauenden Flächen sinnvolle Zwischennutzungen gefunden werden, falls der Wohnungsmarkt nicht sofort wieder anspringt. Zum anderen bleibt fraglich, ob sich auf dem Areal nach dem Einzug der ersten Familien 2015 die erhoffte soziale Mischung einstellen wird. Duncan Cowan-Gray, Nachhaltigkeitsberater bei BioRegional, weist darauf hin, dass die bisherige Vermarktung der Wohnungen im Olympischen Dorf vor allem auf mobile und kosmopolitische Berufstätige abziele und nicht auf den Durchschnittsbürger aus den angrenzenden Vierteln.
Eng mit der sozialen Frage verbunden ist auch der Beschäftigungseffekt der Spiele. Das Medien- und das Pressezentrum sollen später in einen Industriepark für Technologieunternehmen umgewandelt werden. Die oft gering qualifizierten unmittelbaren Anwohner dürften hiervon wenig profitieren. Für sie bleibt das Westfield-Einkaufszentrum am Ostrand des Parks als bislang einziger größerer, neuer Arbeitgeber. Ursprünglich versprachen die Organisatoren der Spiele 20 000 neue Arbeitsplätze im Zuge der Olympiavorbereitung, rund 5000 für jeden angrenzenden Stadtbezirk. Die ODA behauptet, dass diese Zahlen eingehalten wurden; andere bestreiten dies. Laut einem BBC-Bericht fragte im Sommer 2010 die Parlamentsabgeordnete Rushanara Ali im britischen Unterhaus an, wie viele Einwohner ihres Heimatbezirks Tower Hamlets bis dato bei der Olympiavorbereitung Arbeit gefunden hätten. Die Antwort war 201.
Die Stadt als Metabolismus
Die letztgenannte Statistik unterstreicht, wie sehr die Bewertung von Erfolg und Nachhaltigkeit vom individuellen Standpunkt des Betrachters abhängen. Die britische Baubranche zeigt sich überzeugt vom Erfolg der Spiele; Architekten, Ingenieure und Bauunternehmer betonen unisono den Lerneffekt, den die strengen Vorgaben der ODA bei ihnen bewirkt hätten. Andere weisen auf ähnliche Wirkungen auch bei den einfachen Angestellten und Bauarbeitern vor Ort hin.
Ob die Spiele auch international als Lehrbeispiel in puncto Nachhaltigkeit in Erinnerung bleiben, hängt jedoch weniger von einzelnen Bauvorhaben ab. Das größte Potenzial liegt vielmehr in dem zugrunde liegenden, ganzheitlichen Konzept, das die Stadt als System ineinandergreifender Energie- und Stoffströme begreift und technische, soziale und ökonomische Ziele miteinander in Einklang zu bringen sucht. Sollte sich dieses Konzept des »One Planet Living« in der künftigen Londoner Stadtentwicklungspolitik durchsetzen, wäre dies wohl der größte Beitrag, den London 2012 für den Osten der Stadt, aber auch für die globale Nachhaltigkeitsdiskussion geleistet hat.
