Diskussion: Die neue Sinnlichkeit des Materials

Ruppiger Beton und schimmernde Metallgewebe, kaleidoskopartige Muster auf glitzerndem Edelstahl, zarte Ornamente gedruckt auf Kunststoffplatten oder geätzt in Glas, Sonnenschutzpaneele aus verklebten Strohfasern und bruchrauer Naturstein: Das Material und seine Oberfläche werden in der aktuellen Architektur zelebriert wie nie zuvor. Allerorts springen uns ungewöhnliche Materialkombinationen, herausfordernde Experimente oder die genüssliche Inszenierung traditioneller Baustoffe ins Auge. Kein Zweifel also: Das Thema liegt im Trend. »Mit Hilfe der Materialien«, schreibt Adolf Loos sinngemäß in einem Zeitschriftenartikel vor gut hundert Jahren, »will der Architekt Gefühle im Menschen erzeugen, die eigentlich diesen Materialien noch nicht innewohnen«. Jeder Baustoff, möchte er damit sagen, weckt in uns gewisse Assoziationen, die unserer Herkunft, Kulturgeschichte und unseren Erfahrungen entsprechen. Denn über das Material und seine Oberfläche nehmen wir ein Gebäude wahr. Beide prägen mit ihrer Farbe, Struktur und Ausstrahlung seinen Charakter. Schade nur, dass die Gefühle, die ein Material hervorruft, bei Architekten und Nutzern gelegentlich recht unterschiedlich sind. Den rohen Sichtbeton, von vielen Entwerfern geradezu vergöttert und wegen seiner sinnlichen Eigenschaften geliebt, verbindet der Architekturlaie mit Begriffen wie Tristesse, Baustelle oder gar Bunker. Bei anderen Baustoffen dagegen ist man sich eher einig. Holz etwa gilt allgemein als warmes Material und auch für die Innenraumgestaltung geeignet.

Diskussion: Die neue Sinnlichkeit des Materials

Kein Thema in Theorie und Geschichte?

Trotz seiner enormen Bedeutung spielt das Material in der Architekturgeschichte bis in die jüngste Vergangenheit eine untergeordnete Rolle. In der Architekturtheorie wird es über Jahrhunderte kaum thematisiert. Während Fragen des Raums, der Tektonik und Verzierung diskutiert werden, bleibt dem Baustoff und seinen Eigenschaften eine dienende Funktion und auch die Qualitäten unterschiedlicher Oberflächen werden überwiegend negiert. Vielleicht liegt es daran, dass für repräsentative Bauaufgaben die Auswahl lange Zeit auf wenige Materialien wie Naturstein und Ziegelmauerwerk beschränkt bleibt und für die Alltagsarchitektur nur die am Ort vorhandenen Werkstoffe zur Verfügung stehen. Vor allem aber wird in der Geschichte kaum ein Architekt mit seinem Werk über das Material definiert.

Das ändert sich erst, als im 19. Jahrhundert neue Baustoffe zum Einsatz kommen: Eisen und später Eisen- bzw. Stahlbeton. Doch auch hier faszinieren zunächst die neuen räumlichen und konstruktiven Möglichkeiten und nicht die ästhetischen und haptischen Qualitäten des Baustoffs oder gar seine Sinnlichkeit. Ein Phänomen, das bis hinein in die Moderne gilt. Sogar Le Corbusier interessiert sich zunächst allein für die gestalterischen und räumlichen Möglichkeiten, für die ungeahnte Plastizität, die der neue Werkstoff Beton eröffnet. Seine Oberflächen lässt er ohnehin verputzen und anstreichen, entscheidend ist »die plastische Wirkung der Baukörper im Licht«.

Später ist es gerade Le Corbusier, der mit dem »beton brut« sein Material inszeniert und durch Verwendung sägerauer Holzschalungen charaktervolle Oberflächen erzeugt. Ein gerade im Moment wieder sehr aktueller Umgang mit dem Beton, auch wenn sich das Spektrum enorm erweitert hat: Von samtig glatt durch sichtbare Ankerlöcher gegliedert über sinnlich rau und durchgefärbt bis zu lehmähnlichen Strukturen reicht die Palette. Doch nicht nur der Sichtbeton – das Material generell wird allerorts zur Schau gestellt und regelrecht inszeniert: Das Material selbst, so scheint es, wird oftmals zum Konzept.

Wo aber liegen die Ursachen für diesen Trend? In einer kurzlebigen Modeerscheinung oder in der Kompensation entgangener Möglichkeiten und Einflüsse in anderen Bereichen des Bauens? In einer allgemeinen Tendenz weg vom Raum, hin zur Oberfläche? Oder im gegenwärtigen Materialfetischismus, wie er sich von der Mode bis zum Produktdesign bemerkbar macht? Neben all diesen Aspekten lohnt es gewiss, auch einen Blick auf die Selbstdarstellung der Architektur in den Medien zu werfen.

Vom Raum zur Oberfläche – die neue Ära des Materials

Raum, Form und Konstruktion sind die entwurfsprägenden Parameter der Moderne, aber auch weiterer Strömungen bis hinein in die Gegenwart. Wie bereits erwähnt, spielen die Qualitäten des Materials an sich eine eher untergeordnete Rolle. Das gilt gleichermaßen für die an der Fassade orientierte Postmoderne wie für die konstruktiv ausgerichtete High-Tech-Architektur. Was die Moderne seinerzeit allerdings forderte, ist konstruktive Ehrlichkeit und materialgerechtes Bauen. Ein Dogma, das schon damals kaum zu erfüllen war. Heute, in Zeiten immer höherer technischer Anforderungen und rigiderer Dämmvorschriften, wird beinahe jede Außenhaut zu einem mehrschichtigen System, dessen Oberflächen nur selten etwas vom Innenleben erzählen. Und wie kann das Postulat nach Ablesbarkeit der Nutzungen weiter bestehen, wenn diese im Laufe eines Gebäudelebens mehrfach wechseln? Oder wenn von vornherein immer häufiger flexible, unterschiedlich nutzbare Räume verlangt werden? Gleichzeitig schwindet bei zunehmendem Kostendruck und Einfluss von Projektsteuerern und Finanzcontrollern der Gestaltungsspielraum des Entwerfers bei Grundriss und Raum. Es gilt also, andere Möglichkeiten wie Material und Oberfläche zu nutzen, um Kreativität zu zeigen und dem Bau Identität zu verleihen. Eine Entwicklung, die sich ideal mit der zunehmenden Auffassung deckt, dass die Fassade über ihre reine Funktion hinaus auch Bedeutungsträger ist.

Von der Skizze zum Rendering

Wie weit aber spielt die Vermittlung der Architektur in den Medien eine Rolle oder sich ändernde Darstellungsweisen beim Planer selbst? Lange Zeit war die Zeichnung das wesentliche Ausdrucksmittel in der Architektur. Als Krönung der Entwurfspräsentation galt die von Hand gefertigte Perspektive, möglichst mit entsprechendem Strichduktus als Handschrift des Entwerfers. Heute aber wird sie durch Computer-Renderings ersetzt. Während die Strichzeichnung hervorragend dazu geeignet ist, räumliche Stimmungen und Proportionen zu vermitteln, sagt sie über Oberflächenqualitäten recht wenig aus. Ganz anders dagegen verhält es sich beim Rendering, das oft sterile Räume zeigt; ist es andererseits längst üblich, zuvor gescannte Materialstrukturen collagenartig in die Animation einzubauen. So eine Entwicklung kann nicht ohne Auswirkungen auf den Entwurf selbst bleiben. Auch die Architekturfotografie und die Präsentation der Architektur in den Medien spielen eine mindestens genauso große Rolle. Denn die Fotografie hat sich der Tatsache angepasst, dass in unserer Informationsgesellschaft Bauwerke viel öfter über ihr Bild in den Medien wahrgenommen werden als durch den direkten Augenschein vor Ort. Um unter der Flut von Eindrücken Aufmerksamkeit zu erzielen, sind inszenierte Stimmungen von Material und Oberflächen gefragt, während sich räumliche Qualitäten auf Bildern ohnehin kaum vermitteln lassen. In der Schwarz-Weiß-Fotografie dagegen wurde die Perspektive – also der Raum – zelebriert oder die harten Strukturen des Tragwerks.

Material versus Form

Material und Form stehen stets in gegenseitiger Wechselbeziehung. Lange Zeit ließen sich bestimmte Formen nur mit gewissen Materialien verwirklichen. Dazu kam – wie erwähnt – das Dogma der materialgerechten Konstruktion. Heute, in Zeiten mehrschichtiger Aufbauten, lassen sich fast alle Baukörper in unterschiedlichen Materialien konstruieren. Neueste Fertigungs- und Rechenmethoden verhelfen dabei der Form, sich von den Vorgaben des Materials zu lösen. Die Beziehung zwischen Form und Baustoff wird zunehmend unklar.

Trotzdem machen bestimmte Materialien manche Formen erst sinnvoll wie etwa die dynamisch organische Ausgestaltung von Hotelräumen durch Zaha Hadid mittels eines acrylgebundnen Mineralwerkstoffs (siehe DETAIL 2006/4). Auch die Möglichkeiten des Stahlbetons nutzten seinerzeit kreative Architekten für eine plastische Formensprache, während aktuell etwa hauchdünne und transparente Kunststofffolien wie bei der Münchner Allianz Arena ein völlig neues Architekturverständnis ermöglichen. Trotz einer immer unschärferen Beziehung zwischen Form und Material gibt es auch heute Bauwerke mit einer eindeutigen Dominanz der Form und solche, bei denen vor allem das Material spricht. Die expressiven Baukörper von Zaha Hadid unterstreichen die erste These, während die minimalistische Architektursprache von Peter Zumthor ihren Ausdruck über die sinnlichen Eigenschaften der verwendeten Werkstoffe erhält. Beide, Oberfläche und Form, werden dagegen in den edelstahlglitzernden Plastiken von Frank Gehry auf die Spitze getrieben, Form wie Material schreien hier gleichermaßen nach Aufmerksamkeit.

Die neue Inszenierung von Material und Oberfläche

Heute steht uns ein zuvor nicht gekanntes Spektrum an Materialien zur Verfügung, unaufhaltsam werden es mehr. Gerade vor der Fassade, der Schauseite des Hauses, scheint keine noch so ausgefallene Materialanwendung Halt zu machen.

Ästhetische und haptische Aspekte werden ausgereizt, gleichzeitig neu entwickelte Werkstoffe mit verbesserten Eigenschaften ausprobiert, möglichst gar mit flexibler, auf die äußeren Umstände reagierender Performance (siehe auch S. 590ff.Der Begriff Smart Materials – nur unzulänglich mit »intelligente Materialien« übersetzt – gerät zum Zauberwort.

Trotz der aktuellen Vielfalt an Möglichkeiten aber gibt es zahlreiche Architekten, die »ihren« Baustoff gewissermaßen abonniert haben, der dann zu ihrem Markenzeichen wird. Bei Tadao Ando ist das der Sichtbeton, bei Richard Meier sind es weiß emaillierte Metallpaneele. Andere wiederum lassen sich nicht festlegen, sondern überraschen jedes Mal mit neuen Materialien. Herzog & de Meuron gehören dazu, sicherlich Trendsetter in der Inszenierung von Oberfläche und Materialeigenschaften, aber auch Kengo Kuma, der einen Reiz darin sieht, bewusst jedes Haus in einem anderen entwurfsbestimmenden Baustoff zu thematisieren.

Im Bereich der Oberfläche geht der aktuelle Trend eindeutig zum natürlichen, rohen, unbeschichteten Material, dessen Qualitäten für sich sprechen sollen. Das gilt für Sichtbeton ebenso wie für rostrauen Cortenstahl oder Stein. In unserer zunehmend virtuellen und schnelllebigen Welt scheint ein tiefes Bedürfnis nach Greifbarem, Realem zu bestehen, nach Fühlbarkeit und Textur oder danach, konkrete Räume zu schaffen und eine besondere Emotionalität. Parallel zu dieser neuen »Natürlichkeit« werden industriell gefertigte Oberflächen oft besonders veredelt oder, vor allem Glas und Kunststoff, mit ornamentalen Mustern versehen. Das Ornament, das seit Adolf Loos und seinem viel zitierten und oft missverstandenen Artikel »Ornament und Verbrechen« überwunden schien, tritt auf einmal allerorts wieder an das Licht. Adolf Loos hatte das Ornament gegeißelt, weil er es allem voran als Verschwendung menschlicher Arbeitskraft sah. Ein Argument, das heute bei digital reproduzierten Bildern und industrialisierten Druckmethoden kaum mehr greift.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.