Dass das Wohnen in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem Artikel geworden ist, schlägt sich nicht nur in den Slogans des Wohnungsmarketings nieder, sondern auch in den »all inclusive«-Konzepten der Architekturen selbst. Quartierbezeichnungen wie Donau-City, Wienerberg-City, Monte Laa oder G-Town, die sich in berechtigter Verlustangst an den Begriff des Städtischen klammern, umreißen topographische Entitäten, in denen nicht nur Wohnraum geschaffen wird, sondern mit entsprechenden Zusatzfunktionen wie Pool, Sky-Lobby, Fitness-Raum oder Concierge auch bestimmte Lebensmodelle generiert werden. Werden die Interessen der Bewohner derart aufgefächert, verlieren die bisher noch dominierenden, mittelgroßen »Normalwohnungen« zunehmend an Bedeutung.
In den Immobilienbeilagen der Tageszeitungen tauchen Architekten als Markennamen auf, die – wie in der Mode – ein bestimmtes Lebensgefühl und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe symbolisch festigen sollen. Die nur begrenzte Tragfähigkeit eines medialen Effekts zeigte sich jüngst deutlich bei Zaha Hadids Überbauung einer Brache an der Spittelauer Lände (Abb. 1). Wurde die signifikante Zickzack-Form des Entwurfs, die frei über den Stadtbahnviadukten von Otto Wagner zu schweben schien, zunächst als städtebauliches Imago urbanen Wohnens der Zukunft gepriesen, hat das Projekt – von dem sich die Architektin inzwischen distanziert – auf seinem beschwerlichen Weg in die gebaute Realität einigen Schaden genommen. Eine kühne Wohnbauskizze hat sich in ein verwinkeltes Studenten-Boarding-Haus mit gequälten Grundrissen verwandelt, das nur noch aus der Ferne die große Geste erahnen lässt.
Läuft der Wohnbau demnach Gefahr, an seinen eigenen, immer stärker segmentierten Leitbildern zu scheitern? Mit welchen Instrumenten reagiert die Stadt Wien auf die unterschiedlichen Märkte und Interessenslagen, nachdem sich die klassische Dichotomie von »Zentrumswohnen« (im klassischen Altbau) und »Wohnen im Grünen« immer mehr auflöst?
Steuerungsinstrument Hochhaus
Anfang der 90er-Jahre erhöhte die Stadt Wien, ausgelöst durch die erwartete verstärkte Zuwanderung aus dem Osten, den geförderten Wohnungsbau zunächst auf rund 10 000 Einheiten pro Jahr, wobei dem Grundankauf durch den 1984 von der Stadt Wien gegründeten Wiener Bodenbereitstellungs- und Stadterneuerungfonds (WBSF, heute Wohnfonds Wien) eine Schlüsselrolle zukam. In dieser neuen Phase des Massenwohnungsbaus wich man von den sanfteren, häufig am verdichteten Flachbau orientierten Typologien der 80er-Jahre ab und errichtete dichte Wohnquartiere auf der »Platte« vor der UNO-City, in Simmering und am Wienerberg (Abb. 3). Mit der Donau-City und dem Hochhauskonzept der Stadt Wien von 1994 wurden Rahmenbedingungen hinsichtlich Infrastruktur, Verkehrserschließung und Stadtbildverträglichkeit festgelegt, die das Hochhaus auch für geförderte Miet- und Eigentumswohnungen öffneten.
In Zusammenhang mit diesem Hochhausboom sind in den genannten Quartieren nicht nur Bürohaustürme, sondern auch die Wohnwolkenkratzer von Harry Seidler, Delugan_Meissl, Coop Himmelb(l)au und Albert Wimmer entstanden.
Den großen Themensiedlungen der ersten Hälfte der 90er-Jahre (Thermensiedlung Oberlaa, Autofreie Mustersiedlung, Frauen-Werk-Stadt) folgten weitere zielgruppenorientierte Projekte, etwa zum Thema Wohnen und Arbeiten (Compact-City, von BUS-Architektur, Wien-Floridsdorf), zur Integration von Migranten (Interkulturelles Wohnen, von Heidecker Neuhauser, Wien-Floridsdorf) oder zum Thema Betreutes Wohnen (Otto Häuselmayers Kolpinghaus, Wien-Favoriten).
Schrumpfende Grundstücksreserven und hohe Erschließungskosten am Stadtrand haben dazu geführt, dass das so genannte »Brownfield Development« auch in Wien an Attraktivität gewann, zumal sich aus den zum Teil denkmalgeschützten Industriebauten des 19. Jahrhunderts in der Revitalisierung auch kulturelles Kapital schlagen lässt. Die Verbauung der vier Gasbehälter in Wien-Simmering nach Plänen der Architekten Jean Nouvel, Coop Himmelb(l)au, Wilhelm Holzbauer und Manfred Wehdorn zählt zu den bekanntesten, wenn auch umstrittensten Beispielen dieser baulichen Verwertung von Industriebrachen. Auf dem Areal der ehemaligen Kabelwerke in Wien-Meidling wird zurzeit infolge eines groß angelegten Planungs- und Bürgerbeteiligungsverfahrens ein durchmischtes Wohnquartier errichtet, das mit verlockenden Projektbezeichnungen wie Lux-Gebäude, Siedlung am Park, Terrassenhaus, Brückenhaus, Loftfabrik eine reiche Palette des Wohnens abzudecken verspricht.
Und die Palette ist groß: Die Stadt Wien verfügt als größte Hauseigentümerin Österreichs über rund 220 000 eigene Mietwohnungen, doch wird heute der überwiegende Teil des sozialen Wohnungsbaus über gemeinnützige Wohnungsunternehmen abgewickelt, die rund 136 000 geförderte Mietwohnungen und etwa 130 000 Eigentumswohnungen verwalten. In Wien überwiegt die Objektförderung, das heißt, die Subvention geht direkt an den Wohnbauträger, um die Finanzierungs- und damit die Verkaufs- bzw. Mietkosten zu reduzieren. Der Anteil des geförderten Wohnungsbaus am gesamten Neubauvolumen Wiens liegt bei etwa 90 Prozent und entspricht in seiner Struktur der klassischen Mittelstandsförderung, sodass der Begriff »Sozialer Wohnbau« kaum mehr zutrifft.
Die von der Stadt Wien (MA50) getragene Wohnbauforschung wurde in den vergangenen Jahren rund um vier Schwerpunkte (Entwicklung der Haushaltsformen und Leistbarkeit des Wohnens; Neues Wohnen in alten Stadtteilen; Architektur, Ökologie und neue Technologie; Wohnen und Wirtschaft) finanziell und inhaltlich ausgebaut, um die qualitativen Standards des Wohnbaus unter verschiedenen Gesichtspunkten zu analysieren.
In einer in diesem Rahmen von Michael Schluder und Natascha Stoklaska erhobenen empirischen Studie zum Thema »Zehn Jahre Bauträgerwettbewerbe – Veränderungen im Wohnbau« wird die scheinbare Vielfalt des Bauens und Wohnens zur knappen Summe vorherrschender Planungsmuster zusammengefasst: »Bei der Erschließung ist der Laubengang vorherrschend. Generell wird versucht, die Gänge und Stiegenhäuser mit möglichst natürlicher Belichtung zu versorgen. Häufig anzutreffen sind offene Stiegenhäuser. Bei der Freiraumplanung ist eindeutig eine Qualitätssteigerung festzustellen. Auch die Zahl der wohnungsbezogenen Freiflächen hat sich erhöht.
Das Angebot an Gemeinschaftsflächen, die allerdings nicht gefördert werden, ist deutlich gestiegen – Fitnessräume, Sauna und Schwimmbad sollen die Wohnqualität zusätzlich erhöhen. Die Grundrisse sind flexibler angelegt.
Der Niedrigenergiestandard ist seit 1996 bei allen Neubauprojekten erreicht und inzwischen für den Bezug einer Förderung verbindlich. Nachdem eine Novelle der Bauordnung nun auch in Wien den mehrgeschossigen Wohnbau in Holz ermöglicht, entstehen derzeit nördlich der Donau eine Reihe von Pilotprojekten, etwa von den Vorarlberger Architekten Dietrich Untertrifaller sowie Johannes und Oskar Leo Kaufmann, ein prototypisches Mischbauprojekt von Hubert Rieß wurde 2005 bereits übergeben.
Etwa die Hälfte der geförderten Wohnungen (in den vergangenen Jahren rund 7 000 Wohnungen jährlich) werden inzwischen in den Bezirken innerhalb des Gürtels bzw. im gründerzeitlichen Bestand errichtet, wo die Grundkosten zwar höher liegen, aber die vorhandene Infrastruktur genutzt werden kann. Im von Grünparks durchsetzten gründerzeitlichen Blockraster in Wien-Favoriten etwa ist eine Reihe von architektonisch beachtenswerten Geschosswohnbauten entstanden, darunter das Haus am Paltramplatz von Delugan_Meissl (2002, Abb. 4), eine Wohnhausanlage von Patricia Zacek (2003), das Projekt LEE von querkraft (2004, siehe Seite 168f.), sowie ein Eckhaus von Geiswinkler & Geiswinkler (2005) und eine Baulückenfüllung von ARTEC Architekten (2005, Abb. 5).
Um die jahrelang praktizierte Vergabe von Wohnbauprojekten an eingespielte »Hausarchitekten« zu unterbinden, werden seit zehn Jahren größere Neubauprojekte häufig über Bauträgerwettbewerbe abgewickelt. Hier treten die Bauträger als Projektbewerber auf und beurteilen nach dem Drei-Säulen-Modell (Planung/Architektur, Ökonomie und Ökologie) ökonomisch-ökologische Kriterien ebenso wie planerisch-architektonische Qualitäten. Der Wohnfonds Wien dient als Geschäftsstelle des Grundstückbeirats und schreibt die Bauträgerwettbewerbe aus. Die Jury besteht aus Architekten, Vertretern der Wohnungswirtschaft und des Landes Wien sowie Fachleuten aus den Bereichen Wohnungsrecht, Ökologie und Ökonomie. Ziel dieser Verfahren ist es, die Herstellungskosten im Geschosswohnbau zu reduzieren bei gleichzeitiger Anhebung der planerischen und umweltverträglichen Qualität. Dem erhöhten Kostendruck ist es zuzuschreiben, dass die Baukosten im geförderten Wohnbau in den vergangenen Jahren um durchschnittlich 20 Prozent auf ca. 1 100 Euro/m2 gesenkt werden konnten. Seit 1995 gab es 19 Wettbewerbe, die in ihrer komplexen personellen Vernetztheit nicht unbedingt der angestrebten Transparenz und Objektivität entsprechen, die man in der früheren Vergabepraxis jagerade vermisst hatte. Die ig-architektur (freie Interessensplattform junger Architekturschaffender) fordert daher in ihrer »Wiener Architektur Reklamation« im November 2005 die Planungsprozesse zu entflechten sowie Bauträgerwettbewerbe durch möglichst offene qualitätsorientierte Verfahren abzulösen: »Es ist – besonders im internationalen Vergleich – nicht zu verstehen, warum bei der Verteilung von Mitteln der öffentlichen Wohnbauförderung Bauträger bereits in der Kreativphase die nahezu alleinige Verfügungsgewalt über den Markt ausüben dürfen und die Architekten nur die verlängerte Werkbank profitorientierter Abwickler sind. Die Planung von 55 000 Neubauwohnungen bis 2015 kann nicht ausschließlich über untransparente und kaum flexible Verfahren wie Bauträgerwettbewerbe vergeben werden.
Tatsächlich ist die derzeitige Verfahrenspraxis kaum geeignet, jüngeren Architekten zu Bewährungsproben zu verhelfen – zum Zug kommt, wer schon am Zug ist. Doch Ausnahmen gibt es auch hier: Ein bemerkenswertes Wohnbaubeispiel ist derzeit im Süden Wiens in Alt-Erlaa im Bau. Hier realisieren sechs (relativ) junge Planungsteams (Schauer-Schläffer-Schmoeger, Juri Troy, Sandrine van Klot, Nicole David, the next ENTERprise und Klaus Stattmann) einen Wohnbau auf Basis eines gemeinsam entwickelten Bebauungskonzepts. Kennzeichnend ist die Modellierung des Terrains in Form einer »Flanierdrift« statt der üblichen Einzelparzellen: Einen fundierten Impuls für das Wohnen erwarten wir gern (Abb. 6).
