Kara: Je besser die Architekten sind, umso mehr Gespür haben sie für statische Fragen. Gute Architekten erwarten nicht, dass man nur als Problemlöser auftritt. Traditionell war der Architekt für die kreative Arbeit und der Tragwerksplaner für die Lösung der damit verbundenen Probleme zuständig. Wir selbst haben uns immer irgendwo zwischen diesen Extremen gesehen. Wir möchten zusätzliche Kreativität und Innovation in die Arbeit einbringen. Wir versuchen sensibel auf unterschiedliche architektonische Haltungen zu reagieren und die Vorstellungen der Architekten zu unterstützen. Dies wird in der Zusammenarbeit mit Zaha Hadid oder Will Alsop deutlich oder wenn wir, wie momentan, an einem gemeinsamen Projekt von Foster and Partners und Jean Nouvel arbeiten oder auch bei der Zusammenarbeit mit Foreign Office Architects. Sie arbeiten alle auf unterschiedliche Art, um ihre kreativen Visionen umzusetzen, aber sie betrachten uns nicht nur als Problemlöser und diejenigen, die sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringen. Sie erwarten wesentlich mehr, wobei wir darauf achten, möglichst wenig Einfluss auf ihre grundlegenden architektonischen Vorstellungen zu nehmen – wir tragen eher unseren Teil dazu bei, diese noch besser zu machen! Ich bin davon überzeugt, dass Projekte wie das Science Center in Wolfsburg auf erfrischende Weise dazu führen werden, dass man sich wieder mehr für die Disziplin des jeweils anderen interessiert. In diesem Fall wird das besonders deutlich, da es durch neue technische Möglichkeiten, beispielsweise digitale Technologien oder Fortschritte in der Werkstofftechnik möglich geworden ist, die beiden Disziplinen nahtlos zusammenzuführen. Letztlich dürfte es schwierig werden, genau zu bestimmen, wo die Architektur aufhört und die Tragwerksplanung beginnt.
Detail: Wie kreativ kann ein Tragwerksplaner denn sein, wenn er mit Architekten arbeitet, die einen ausgeprägten Stil haben? Darf er die Form überhaupt beeinflussen?
Kara: Für mich war das nie ein Problem, denn diese Gefahr hat meiner Meinung nach nie bestanden. In unserem Fall haben wir eine Kultur und ein Umfeld geschaffen, die uns die Anpassung an die unterschiedlichsten Anforderungen erlauben. Wir lassen Theorie, Avantgarde-Experimente und die Erfüllung der Anforderungen nebeneinander zu. In Wolfsburg gab es einen Moment, in dem dies ganz deutlich wurde. Wir schreckten vor der Komplexität nicht zurück, sondern sahen die Chance zum Experimentieren, ohne auf bereits Vorhandenes zurückzugreifen.
Im Falle der Peckham Library gab es die Idee, einen öffentlichen Raum unter einer Gebäudeauskragung zu schaffen. Schließlich einigten wir uns auf einige tanzende Säulen, die den Bau stabilisieren und dennoch den Eindruck eines starren Gitters vermeiden. So haben wir den Gedanken der Auskragung durch eine bessere und effektivere Lösung ersetzt und damit die ursprüngliche Idee beibehalten und weiter ausgebaut. Ein Großteil der zeitgenössischen Architektur mit ihrer komplexen Geometrie und den sich ständig ändernden Formen fordert die traditionelle Statik heraus. Kreativität setzt daher auch neue Analysewerkzeuge voraus. In Wolfsburg entstehen die Räume durch das »Morphen«, das Verwandeln verschiedener Abschnitte in ein nahtloses Kontinuum. Die Struktur kann dabei nicht einfach aus der Aneinanderreihung einfacher platonischer Formen wie Würfel, Kuppeln und Pyramiden bestehen. Wir mussten uns von der Vorstellung unabhängiger Systeme verabschieden – es geht mehr um »Topologie« als um »Typologie«.
Detail: Fühlen sich Architekten durch die Notwendigkeit, mit einem Ingenieur zusammenarbeiten zu müssen, eingeschränkt?
Kara: Das habe ich noch nicht erlebt. Ein kluger Mensch sagte einmal: »Notwendigkeit ist die Mutter des Fortschritts«. Im Informationszeitalter erzielen diejenigen, die pluralistisch vorgehen und Teamwork pflegen, und zwar nicht nur mit Designern, sondern auch mit Konstrukteuren, die besten Arbeitsergebnisse. Es gibt verschiedene Stufen kreativen Inputs, und ein guter Tragwerksplaner wird immer die Vorstellung des Architekten unterstützen. Wie kann man da von einer Einschränkung sprechen? Der schlimmste Fall ist das Gegenteil: wenn nämlich zu viel erwartet wird und man sich zu stark auf ein »Strukturphänomen« verlässt, an dem man die Architektur festmachen kann!
Detail: Müssen Sie Architekten auch mal Grenzen aufzeigen oder findet sich für alles eine Lösung?
Kara: Ich glaube, dass Ingenieure einen besseren Sinn für Kosten haben und Risiken deshalb besser abschätzen können. Diese Dinge geben in der Regel die Grenze vor. Daneben gibt es natürlich auch noch andere Aspekte wie die Begrenztheit von Technologien und Werkstoffen.
Detail: Ist es wirklich wahr, dass Sie mit der Architektur des Science Centers an die Grenzen des Machbaren gestoßen sind?
Kara: Ich denke schon, was die Arbeit anbelangt. Ich bin mir nicht sicher, wie weit wir noch hätten gehen können. Während des Entwicklungsprozesses war zwar die Idee vorhanden, aber keine geeignete Software. Also mussten wir das Projekt in Teilbereiche aufspalten. Trotzdem wussten wir, dass wir parallel dazu ein vollständiges, computer-generiertes Modell erstellen mussten. Denn die Decke über den »Cones« wird nur im Zusammenwirken mit diesen stabil, alles verschmilzt gewissermaßen zu einer Schale.
Detail: Was hätten Sie gemacht, wenn die Software nicht entwickelt worden wäre?
Kara: Bei diesem Gebäude konnte man mit den Standardwerten nichts anfangen. Wir waren aber davon überzeugt, dass die Analyse-Software sich im Verlauf des Projekts, ebenso wie wir Ingenieure, weiterentwickeln würde. Aber wir hatten natürlich auch einen Plan B im Hinterkopf, es hätte allerdings eine Menge Redundanzen gegeben – wir hätten Teile unnötigerweise verstärken und übermäßig große Sicherheitstoleranzen einbauen müssen.
Detail: Widersprechen Lösungen wie die auf ihrer Spitze stehenden »Cones« nicht der konstruktiven Logik?
Kara: Nein, der Grundgedanke ist, dass die Deckenplatten die Hauptaufgabe übernehmen. Wir hatten schon in der Wettbewerbsphase sicherzustellen, dass die Platten an keinem Punkt mehr als 17 oder 18 Meter überspannen. Wenn man die »Cones« also umdrehen würde, wäre die ganze Logik auf den Kopf gestellt. Außerdem enthalten sie die Eingangsbereiche, und da braucht man nicht viel Volumen. Im Grunde genommen ist das völlig logisch.
Detail: Um wie viel höher als bei üblichen Betonkonstruktionen ist der Aufwand für die Bewehrung?
Kara: Für derartige Gebäude gibt es keine Referenzmodelle. Man kann also nicht einfach in einem Lehrbuch nachschlagen. Bei normalen Projekten kann man sagen, soundsoviel Kilogramm Stahl pro Kubikmeter Beton, aber solche Projekte kann man nicht mit Erfahrungswerten aus früheren Projekten vergleichen.
Detail: Welches waren die größten konstruktiven Probleme, die zu lösen waren?
Kara: Es ist komisch, aber was wir als das geringste Problem betrachteten, erwies sich als das größte – das Dach. Wir dachten, es sei so einfach, weil es so leicht zu verstehen ist. Der Konstruktion liegt ein biologisches Modell zugrunde. Das macht heute jeder: eine sich verwandelnde Zelle, deren Form sich morphologisch ändert. Mit Stahl ist das kein Problem. Man kennt die Linien, man kennt die Belastungen. Bei Beton muss man dagegen alle möglichen Analysen durchführen. Schwierig wurde es allerdings durch das deutsche Abnahmesystem. Dazu waren langwierige Verhandlungen nötig, da es hieß, dies sei unmöglich. Wir sollten mehr Stäbe einsetzen, um die Kräfte zu verringern, aber das hätte mehr Schweißaufwand bedeutet. Am Ende hatten wir Glück, dass man bei der Ausschreibung auf unsere Lösung zurück kam. Aber letzten Endes wurde dies der schwierigste Abschnitt, da sich jedes Element in Länge und Querschnittsgröße unterscheidet.
Detail: Halten Sie auch Einfachheit für ein erstrebenswertes Ziel der Tragwerksplanung?
Kara: Ich halte das für eine theoretische Vereinfachung. Zu unseren besten Projekten gehört ein Studentenwohnheim für 1000 Studenten in London, das sich aus einfachen Boxen zusammensetzt. Trotzdem haben sie Flair, auch wenn wir hier viele Dinge so schlicht wie möglich gehalten haben. In anderen Situationen ist Komplexität die Triebfeder, und ich glaube, dass die zeitgenössische Architektur in vielerlei Hinsicht zu anderen Bereichen aufschließt – die Autoindustrie etwa beschäftigt sich, ebenso wie viele andere Industriezweige, seit Jahren mit komplexen Problemen. Komplexe Analysen, komplexes Denken, morphende Flächen, morphende Änderungen – da kann Einfachheit nicht immer die beste Antwort sein.
