Der Mauerstein, ob künstlich hergestellt oder aus Naturstein gebrochen, ist der Inbegriff eines Gegenstandes, der das singuläre Teil mit dem Ganzen verbindet. In Räumen, die von Menschen hergestellt sind, gibt es keinen anderen Gegenstand, dem physisch wie auch im übertragenen Sinne eine solche Eigenschaft zugebilligt werden kann. Wer vor dem Pantheon steht und dessen Ringmauern betrachtet, dem wird rasch klar werden, was damit gemeint ist: Man kann, mit dem Auge die Oberflächen studierend, nur staunen, dass ein Prinzip, wie es das Mauern darstellt, sich in knapp zweitausend Jahren nicht geändert hat. Ja, dass es dieses Prinzip ist, das heute immer noch Gültigkeit hat und das sich deshalb an diesem Bauteil das Prinzip des Zeitlosen am Besten darstellen lässt. Denn wenn man etwa Kahns Unterkünfte für die Parlamentarier im Regierungszentrum von Dacca anschaut, oder einen Blick auf die Wände der Lewerentzschen Markuskirche wirft, dann erscheint es wirklich absurd, die Zeit in dieser Betrachtung als Vektor für Fortschritt zu nehmen.
Man sagt bisweilen, einen Architekten, der heute noch ein Gebäude aus Ziegeln plane, finde man nicht an der Spitze der Architekturentwicklung. Das mag schon sein: Aktuell gesoftete Formen, wie sie in den Zeitschriften auf jeder zweiten Seite zu finden sind, stellen für jemanden, der die Sache mauern will, ein großes Hindernis dar. Aber warten wir doch ab, ob es sich hier um eine bleibende Formensprache handelt, oder, wie im Falle des Pantheons, um ein bemerkenswert zeitloses Werk. Schließlich ist dessen Kuppel auch nicht aus Ziegeln gemauert.
Betrachtet man, bereinigt durch spektakuläre Sonderfälle, das Baugeschehen, wird noch immer ein immens großer Teil an Wänden gemauert. Als vor kurzem der europäische Kalksandsteinpreis ausgelobt wurde, und die Jury den Mangel an sichtbar gemauerten Beispielen monierte, meinte der Vertreter der Industrie, die Produktion sei nach wie vor hoch, denn man müsse sich vergegenwärtigen, dass der Stein eben nicht mehr sichtbar vermauert werde. Tatsächlich gibt es wohl kaum eine »mauersteinfreie« Baustelle. Und wer seinen Sommerurlaub in der Türkei, Tunesien oder Ägypten verbringt, dem wird die Unmenge an Backsteinen auffallen, mit denen die Mosaiksteine der nicht enden wollenden Großstadtränder errichtet werden.
Wahrscheinlich gab es noch nie eine solche Vielfalt an Mauersteinen wie heutzutage. Das Angebot ist unüberschaubar. Umgekehrt verschwindet der Stein seit der Ölkrise der 70er-Jahre zunehmend aus dem Stadtbild. Er ist für uns unsichtbar unter undefinierbaren Schichten und Pampen verschwunden und fristet sicht- und wärmeisoliert sein Dasein. Mies hatte bei dem Haus Hermann Lange in Krefeld, 1927, manches Kunststück verwendet, um den Ziegel sichtbar zu belassen, obwohl der Entwurf dies eigentlich nicht zuließ. Kenneth Frampton geht in seinem Artikel »Mies van der Rohe: Avantgarde und Kontinuität« ausführlich auf diesen Umstand ein. Im Vergleich der Häuser Wolf, Esters und Lange schreibt er: »Gleichzeitig sind im Konstruktionsprinzip aller drei Objekte manche Inkonsequenzen zu verzeichnen, denn die Stahlstützen, die die horizontalen Öffnungen überspannen, treten nie in Erscheinung und in allen drei Fällen sind die Unterzüge oder Binder hinter Läuferschichten verborgen.« Noch deutlicher wird der geschilderte Umstand im zuerst genannten Haus Lange. Frampton zeigt die Ausführungszeichnung einer Wandkonstruktion, in der man, wie durch einen Röntgenapparat das innere Gerüst, eine Fachwerkwand aus Stahlträgern und Stützen, erkennt.
In einem solchen Falle, kann man sich heute zurechtlegen, ist es vielleicht angebrachter, mit Blick auf die Materialgerechtigkeit die eigentliche Konstruktion gleich unter eine Tapete zu legen. Was ist daran so verwerflich? Man kann natürlich auch umgekehrt fragen: War der von der Moderne eingeforderte und an Akademien und Universitäten gelehrte Zwang zur Materialgerechtigkeit überhaupt logisch und richtig?
Ein Freund, der als Architekt offensichtlich zur jungen Avantgarde in der Bundesrepublik gezählt werden darf, hat vor über einem Jahr den Wettbewerb zum Neubau einer Mensa gewonnen. Ein schöner Entwurf, dessen Baukörper durch eine Wand rundum geschlossen wird, die an einen Träger mit schräg gestellten Aussteifungen erinnert. Lange untersuchte er, aus welchem Material – unter dem Zwang der vorgegebenen Kostengrenze – die Sache zu verwirklichen sei. Mal war es Stahl, dann Beton, dann wieder Holz. Man kann daraus lernen: Die Sache des Materials ist zweitrangig geworden; zweitrangig auf jeden Fall in der von der Moderne gepredigten Direktive, das verwendete Material soll auch die Erscheinung des Gebäudes prägen. Vor fünfzig Jahren hätte der junge Kollege wohl zuerst das Material und erst dann, aufgrund der Materialbeschaffenheit, die Form bestimmt – trotz Mies!
Mir ist noch immer der triumphierende Blick eines Assistenten in Erinnerung, der uns als Studenten buchstäblich die Hohlheit gezinkter Konstruktionen an einem der Universität benachbarten Gebäude vorführte. Das moderne Gebäude hatte eine silbern glänzende Metallfassade und ruhte auf rechteckigen Stützen, die mit Steinplatten verkleidet waren. Als er damit begann, auf diese zu klopfen, klang es hohl. Also: Ein Fake, schlechte Architektur! Wo offenbarte sich das »konstruktiv Ehrliche« – auch ein Diktum der Moderne – bei diesen Häusern? Das Klopfen auf Bauteile, die vorgaben, aus wertvollerem Material zu sein, als sie eigentlich sind, schien damals en vogue zu sein. Denn bei der Besichtigung der Wieskirche klopfte der Assistent der Baugeschichte erneut: dieses Mal auf die Stucksäulen, um dort die Hohlheit des Barocks zu demonstrieren.
Damals kannten wir die barock-verbergende Ader von Mies noch nicht, obwohl Joedicke in seinen Vorlesungen auf die berühmte Ecke der Lake Shore Drive Appartements hinwies. Aber dieser Fingerzeig wollte nur zum Ausdruck bringen, dass es sich hier eigentlich nicht um eine Lüge handelte, sondern sozusagen um das gestalterische Ringen um den der Konstruktion richtigen und angemessenen Ausdruck.
Für meine Generation, die Ende der 60er-Jahre das Studium begann, galt trotz Revolution das Gedankengut der Moderne, wenigstens was die materialgerechte Verwendung von Baustoffen betraf. Der Ziegel, obwohl uralt, gehörte wie selbstverständlich zu den Materialien, die dafür als tauglich befunden wurden. Schließlich waren die Innenwände des Universitäts-Neubaus, den wir besuchen durften, beispielhaft in verschiedenen Verbänden gemauert worden – ohne unsichtbare Hilfskonstruktion. Man konnte von vorne und hinten gucken: ein Material vorne wie hinten gleich – und stets das selbe Fugenbild. Überhaupt die Fuge! Hatte Schiller beim Lied der Glocke den Klöppel, der erst den Klang erzeugt, schlicht unterschlagen, so war hier die unterschiedliche Wirkung, die durch das Fugenbild gegeben ist, ein entscheidender Faktor. Wilde Verbände etwa, oder ähnliche, die nur der schmückenden Struktur zuliebe gewählt worden waren, erteilte der sachliche Unterricht eine klare Absage, weil dadurch das Tragverhalten der Konstruktion eine Schwächung erhielt.
Heute, nachdem nur noch Läufer die äußere Schale einer Wand bilden dürfen, ist die Frage der Fuge sekundär. Man nimmt ihn achselzuckend hin, den Terror der Energieeinsparungsmissionare. Und doch: Erst wenn man sich mit der Fuge, ob dunkel, hell, dick, überquellend oder zurückstehend, beschäftigt, entdeckt man, wie auf einem sehr bescheidenen Niveau die unendliche Zahl von unterschiedlichen Fügungen entsteht. Da bildet sich aus dem einzelnen Stein eine Struktur, die den eingangs erwähnten Zusammenhang zwischen dem individuellen Stein und dem Gesamten darstellt. Man bemerkt, dass Stein und Fuge, im Zusammenspiel jedes Mal etwas Neues, Anderes ergeben können und dass es eine erstaunliche Vielfalt an Möglichkeiten gibt, einer modularen, scheinbar nüchternen und auf zwei Grundelementen beruhenden Konstruktion einen eigenen, unverwechselbaren Ausdruck zu verleihen.
Unabhängig von den bauphysikalischen Problemen erschließt sich dabei für den Betrachter ein ganz anderes Gegenüber, als demjenigen, dessen Augen auf eine Fassade aus seriellen Metall- oder Kunststoffteilen blicken. Hier ist jedes Teil dasselbe, in Form, Maß, Erscheinung – alles in vollendeter Homogenität, dazwischen – millimetergenau die Fuge. Oberflächen uni, ein Fleck in der Produktion führte zu Gewährleistungsansprüchen. Unterziehen wir beide Fassaden nach dreißig, vierzig Jahren einer optischen Wiedervorlage und überlegen beim Betrachten der beiden: Welche Fassade ist längst in die Jahre gekommen? Welche ist der Zeit, in der sie entstanden ist, sehr viel stärker verhaftet, die industriell gefertigte – oder jene aus Stein?
