Diskussion: Auf den zweiten Blick - Ladenpassage »Hanse Viertel« in Hamburg

In 50 Jahren hat DETAIL unzählige Bauwerke vorgestellt, die alle ihre eigene Geschichte haben. Manche stehen nach Jahrzehnten noch da wie am ersten Tag, andere sind bis zur Unkenntlichkeit verändert. Gebäude werden normalerweise zeitnah nach ihrer Fertigstellung veröffentlicht; in diesem Moment liegen noch keine Erfahrungswerte vor. Anlass genug für die Redaktion, zum 50-jährigen Jubiläum von DETAIL herausragende Bauten aus früheren Veröffentlichungen noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Wie hat sich ihr Konzept, wie ihre Konstruktion bewährt? Und was wurde aus der Entwicklung, die diese Bauten seinerzeit angestoßen haben? Passend zum Thema »Shopping« betrachten wir in diesem Heft die Ladenpassage »Hanse Viertel« in Hamburg, die im November 1980 eröffnet wurde.

Diskussion: Auf den zweiten Blick - Ladenpassage »Hanse Viertel« in Hamburg
Blick in die große Glaskuppel © Waltraud Krase

Im Gegensatz zur damals in Deutschland aufkommenden Shopping Mall verfolgten die Architekten von Gerkan, Marg und Partner von Anfang an das Ziel, eine Ladenpassage im klassischen Sinn nach den Vorbildern des 19. Jahrhunderts zu entwickeln, um die vorhandene Stadtstruktur zu bewahren und einen öffentlichen, belebten Raum zu schaffen. Der ursprüngliche Investor, das britische Unternehmen Capital & Counties, hatte jedoch ganz andere Vorstellungen: Er beabsichtigte ein Einkaufszentrum als Megastruktur in die Innenstadt zu implantieren, was einer Kahlschlagsanierung gleichgekommen wäre. So war es schließlich eine glückliche Fügung, dass das Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen war, seine Grundstücke zu verkaufen. Den neuen Bauherrn, die Allianz, konnten die Architekten nicht zuletzt auch deshalb von ihrer Idee überzeugen, weil nicht alle Grundstücke des Baublocks verkäuflich waren und sich die Baumaßnahme für die Passage im Wesentlichen auf das unbebaute Blockinnere beschränkte. Auf diese Weise war es auch möglich, die bestehende Blockrandbebauung zu erhalten und in das Gesamtkonzept zu integrieren – etwa das 1925–26 von Fritz Höger erbaute Broschek-Verlagshaus oder die Jugendstilkontorhäuser an der Poststraße. Lücken in der Blockrandbebauung wurden durch Neubauten ergänzt und das Blockinnere mit der eigentlichen glasüberdeckten Passage überbaut. Flankiert von rund 60 Läden, verbindet sie die Poststraße mit den »Großen Bleichen« und ist durch insgesamt vier Ein- bzw. Ausgänge erreichbar. Neben den Einzelhandelsflächen in der Passage umfasst der Gebäudekomplex des Hanse Viertels auch ein Hotel, Büros, einige Wohnungen und ein Parkhaus.

Mit der Passage wählten die Architekten einen Bautyp, der lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Im 19. Jahrhundert entwickelt, um tiefe Baublöcke zu erschließen, Wegeverbindungen zu schaffen und wettergeschütztes Flanieren zu ermöglichen, wurde sie schließlich Anfang des 20. Jahrhunderts vom Boom der Kaufhäuser abgelöst. Gerade in Hamburg erlebte die Passage in den 1970er-Jahren eine regelrechte Renaissance: Bis 1985 entstand in der Hamburger Neustadt ein Netz von acht Ladenpassagen – offensichtlich bot sich dieser Bautyp für die Ansiedlung von Einzelhandel in den relativ tiefen Baublöcken an. Für die bis dahin stark vernachlässigte und durch Kriegsschäden gekennzeichnete westliche Hamburger Innenstadt bedeutete diese Entwicklung einen enormen Impuls. Heute wird das Quartier als Passagenviertel bezeichnet und gilt als exklusive Einkaufsadresse – gemeinsam mit dem Neuen Wall und dem Jungfernstieg bildet es ein zweites Zentrum neben der klassischen Kaufhausstruktur um die Mönckebergstraße. Mit seiner Größe und zentralen Lage innerhalb des Passagenviertels nimmt das Hanse Viertel eine Schlüsselstellung ein und hat damit maßgeblich zu dieser Entwicklung beigetragen.

Architektur versus Kommerz

Mit insgesamt ca. 250 Metern Länge galt das Hanse Viertel zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung als längste Passage Europas und entwickelte sich rasch zur beliebten Flanier- und Einkaufsmeile mit durchschnittlich 23 000 Passanten pro Tag; allein zur Eröffnung am 8. November 1980 kamen rund 100 000 Besucher. Auch der wirtschaftliche Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Die Umsätze in den ersten Jahren lagen weit über dem Durchschnitt und übertrafen somit alle Erwartungen.

Wie lässt sich dieser durchschlagende Erfolg erklären? »Wir haben alles anders gemacht als es damals bei der Planung von Einkaufszentren üblich war«, erklärt der Architekt Volkwin Marg heute. »Wir haben auf die Anziehungskraft der klassischen Passage vertraut und wollten das Gegenteil einer Shopping Mall: keinen Kundenfang allein mit der Leuchtkraft verlockender Schaufenster und keine Verführung der Kunden in einen glitzernden Irrgarten, aus dem die bewusst versteckten Ausgänge nur mühsam zu finden sind. Vielmehr schwebte uns eine Passage im Wortsinn vor – zum Abkürzen der Wege, aber zugleich attraktiv zum Bummeln, ohne beeinflussende Musikberieselung, ohne den Weg verstellende Auslagen und ohne aufdringliche Reklame.

Tatsächlich wird der Raumeindruck nicht von Schaufenstern, Werbeschildern und Leuchtschriften beherrscht, sondern durch das gläserne Tonnendach und den durchgehend verwendeten rotbraunen Klinker. Damit Werbung dezent im Hintergrund bleibt und keine Auslagen vor den Geschäften stehen, arbeiteten die Architekten eine Gestaltungssatzung aus. Diese schreibt sogar vor, dass die Schaufenster nicht durch feste Einbauten verstellt werden dürfen, damit sich die – mit fünf Metern sehr schmale – Passage mithilfe des durchgehenden Bodenbelags und der verspiegelten Decke optisch ausweiten kann.

Im Gegensatz zur gängigen Verkaufsstrategie, den Kunden in einem verwinkelten Labyrinth zu fangen, planten die Architekten eine geradlinige Wegeführung mit Blick auf die Ein- und Ausgänge: Mit Ausnahme eines Teilstücks am Haupteingang besteht die Passage aus geraden Achsen, die sich in zwei Kuppelräumen treffen bzw. ihre Richtung ändern; auf Stufen, Treppen, Rampen und Galerien wurde bewusst verzichtet.

Die Architektur kommt gut an: In der Presse wird das Hanse Viertel immer wieder als »Hamburgs schönste Einkaufspassage« oder als »Wahrzeichen Hamburgs« bezeichnet; bei einer 2007 durchgeführten Marktanalyse der Einkaufsmetropole Hamburg schnitt es von allen untersuchten Einkaufs-adressen sogar am besten ab. All dies scheint zusammen mit dem wirtschaftlichen Erfolg dem Konzept der Architekten recht zu geben: Offenbar lassen sich Kunden auch ohne großflächige Reklame anziehen.

Natürlich macht nicht die Architektur allein den Erfolg aus; die Art und die Mischung der Geschäfte spielt eine wesentliche Rolle. Wie heute bei aus einer Hand vermieteten Einzelhandelsflächen üblich, wird auch im Hanse Viertel der Branchenmix nicht dem Zufall überlassen, sondern folgt einem durchdachten Konzept. Von Anfang an wurden hier Geschäfte mit eher gehobenem Preisniveau angesiedelt, gleichzeitig aber viele individuelle, inhabergeführte Läden. Gastronomische Betriebe wurden gezielt in den beiden Kuppeln platziert, um die Räume atmosphärisch zu beleben, ohne sie zu verstellen. Die Flächen in der großen Kuppel liegen ausnahmsweise ein Geschoss tiefer und wurden über 25 Jahre von Mövenpick genutzt. Wohl überlegt war auch die Nutzung des Broschek-Hauses: Zum Hotel umgebaut, sollte es für eine stärkere Belebung an Abenden und Feiertagen sorgen.

Hanse Viertel heute

Betritt man die Passage heute, so ist kaum ein Unterschied zu den nach der Fertigstellung veröffentlichten Fotos festzustellen: Die Komposition aus gläsernem Tonnendach, rotbraunem Klinker und Bronzeintarsien im Boden wirkt geradezu klassisch hanseatisch. Die Schaufenster mit ihren Auslagen treten optisch zurück, sodass das Entwurfskonzept der Gleichwertigkeit von Architektur und Kommerz gewahrt bleibt.

Die baulichen Erneuerungen fallen auf den ersten Blick kaum auf. Als das Glasdach undicht wurde, nutzte man die Gelegenheit und ersetzte das technisch nicht mehr zeitgemäße Drahtspiegelglas der Isolierverglasung durch klares Sicherheitsglas. Auch die markanten Arm- und Hängeleuchten wurden im Lauf der Zeit ausgetauscht, wobei die charakteristische Form weitgehend erhalten blieb. Fragt man jedoch die Architekten, die den Originalzustand kennen und an den Instandsetzungen nicht beteiligt waren, bemängeln sie, dass durch beide Maßnahmen die charakteristische Lichtstimmung verloren ging. Außen an den Ziegelfassaden sind ebenfalls kaum Veränderungen spürbar. Allerdings wirken sie durch die Formensprache und die Farbwahl der inzwischen verblassten, ehemals grünlich-türkisen Fensterrahmen weniger zeitlos als der zurückhaltend elegante Innenraum.

Was die Läden betrifft, so gab es im Lauf der 30 Jahre zwangsläufig Wechsel. Zu den alteingesessenen Traditionsgeschäften sind einige Kettenfilialen hinzugekommen. Auch sei die Gestaltungsphilosophie samt der restriktiven Mietverträge teilweise in Vergessenheit geraten, kritisieren die Architekten. Am stärksten fällt auf, dass das tiefer gesetzte Geschoss unter der großen Kuppel leersteht. Seit der gastronomische Magnet fehlt, wirkt der Platz ohne Bestuhlung verödet.

Insgesamt hat das Hanse Viertel jedoch seinen ursprünglichen Charme bewahrt. Trotz einiger Veränderungen ist der klassische Passagencharakter erhalten. Die Frage ist allein: Wie lange noch? Vor Kurzem hat die ECE, der größte Entwickler von Shopping Malls in Deutschland, die Verwaltung des Hanse Viertels übernommen und plant weitere Erneuerungen. Zu befürchten ist, dass sie ihr Konzept der austauschbaren Einkaufswelten mit den immergleichen Marken und Filialketten auf das Hanse Viertel überträgt und damit seinem individuellen Charakter schadet. Wenn zugleich die Gestaltungssatzung weiter aufgeweicht wird, könnte es bald vorbei sein mit der harmonischen Balance von Architektur und Kommerz. Das Hanse Viertel war 30 Jahre lang eine gut funktionierende Passage und blickt nun in eine ungewisse Zukunft.

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