Genau das war die Absicht der diesjährigen Pritzkerpreisträgerin und Direktorin Kazuyo Sejima. »Die vergangenen Biennalen haben sich eher auf die globalen Probleme der Metropolen konzentriert; ich wollte, dass die Architekten diejenigen Mittel für ihre Präsentationen einsetzen, die die sinnliche Erfahrung von Architektur und Raum ausmachen.« Obwohl dieses Jahr die Ausstellungsflächen nochmals erweitert wurden, erscheint die größte und wichtigste Architekturschau wohltuend übersichtlich. Das liegt an der Großzügigkeit der einzelnen Installationen, jedem Architektenteam wurde ein ganzer Raum zur Verfügung gestellt, aber auch an der analogen Form der Präsentation. So wird der Gang durch die Hallen der ehemaligen Seilerei der venezianischen Flotte, das Arsenale, zu einer Schule des Sehens und Hörens, in der die Akzente von Sejima gezielt gesetzt wurden. Generell herrscht meditative Stille und Weite in den fast sakralen Räumen, die sonst mit lärmender medialer Reizüberflutung den Besucher zu überfordern drohten.
Mehr Kunst als Architektur?
»People meet in Architecture« lautet das übergeordnete Motto, das Sejima nicht nur für die von ihr eingeladenen 46 Architekten und Künstler als Richtschnur ausgegeben hatte, sondern auch für die 53 Länderpavillons sowie zahlreiche externe Ausstellungen und Veranstaltungen, die in der gesamten Stadt und auf mehrere Inseln verteilt sind. Dieses Zusammentreffen verschiedener Kunstdisziplinen unterstreicht sie durch Beteiligungen von Künstlern wie Wim Wenders, dessen technisch perfekter aber etwas pathetisch geratener 3D-Film »If Buildings Could Talk« über das Rolex Learning Center der EPFL als Auftakt den Besucher durch die Architekturlandschaft von SANAA schweben lässt. Gleich am Eingang der zweiten von Sejima gestalteten Hauptausstellung, dem Palazzo delle Esposizioni, baut der Künstler Thomas Demand mit den Architekten Caruso St. John im Maßstab 1:1 die Sperrholzattrappe der Fassade eines Restaurants auf, das in China durch drei Jahre Widerstand gegen den staatlich verordneten Abriss zur gefeierten Ikone wurde und in Zürich neu errichtet werden sollte. Die Installationen stellen sich oft dem Besucher in den Weg, fordern zum Ausweichen, und letztlich bleibt auch der Eilige stehen. Man muss sich einlassen auf diese Räume, die auf unaufdringliche Weise entschleunigen, für die Wahrnehmung öffnen. Diese Sensibilisierung ist auch notwendig, denn fast unsichtbar ist das aus weißen Fäden aufgespannte Haus von Junya Ishigami, subtil sind die Verbindungen der Holzkuppel von Wang Shu, die nur mit Häkchen ineinandergehängten Holzlatten, die ohne jedes Fundament auskommen, jedoch ein eingespieltes Team für den äußerst komplexen Vorgang des Aufrichtens erforderlich machen (Abb. 4). Das Konzept von Sejima zeigt sich besonders gut am Gemeinschaftsbeitrag von Transolar und Tetsuo Kondo: Die kühn freischwingende begehbare Schleife aus dünnem Stahlblech führt von den Basen der alten Säulen hinauf zu den Kapitellen unter dem Dach in einen feuchtwarmen Nebel, der das Streiflicht der Abendsonne zu natürlichen Scheinwerfern werden lässt. Die informative Ebene, die Visualisierung heutiger Klimatechnik durch eine künstlich erzeugte thermische Schichtung ist hinter dem physischen Erlebnis zweitrangig (Abb. 5).
Der emotionalste Beitrag im Arsenale ist zweifellos die fast leere, von der Künstlerin Janet Cardiff gestaltete Halle. Erst wenn aus den unscheinbaren vierzig im Oval aufgestellten Lautsprechern ein vierzigstimmiger Choral erklingt, wird der Raum zum Musik-instrument, füllt sich seine Mitte mit Menschen – in fast sakraler Kontemplation.
Am äußersten Ende des Arsenale setzt sich die Ausstellung ins Freie fort, hier dominiert das Thema Material. Die Architekten und Künstler des chinesischen Länderpavillons spielen mit dem grellen Licht der Lagune und Neuinterpretationen traditioneller chinesischer Gartenkunst mit polierten und rostenden Stahloberflächen (Abb. 2) oder der surrealen Wirkung einer schwebenden Wolke aus matten und transparenten Acrylglasstäben (Abb. S. 1223). Wie ein Sprungbrett ragt eine wachsartige Bohle über die Kaimauer hinaus und weist hinüber zu den historischen Backsteintürmen der alten Hafeneinfahrt am anderen Ufer: »Enjoy the view«. Der Titel von Peter Ebner and friends ist durchaus doppeldeutig, entdeckt man die Bewehrungsmatten in der trüben Masse doch erst durch den Hinweis der Texttafel, dass es sich um transluzenten Beton handelt (Abb. 6).
Architekturdiskurs oder bloße Rethorik?
Wo bleibt bei all den haptischen Erfahrungen der intellektuelle Diskurs? Auf kleinen Bildschirmen, die über den Holzboden verteilt sind, kann man den Interviews von Hans-Ulrich Obrist mit den Teilnehmern folgen. Eine andere Anlaufstelle in Sachen Architekturtheorie ist der diesjährige Preisträger des Goldenen Löwen, Rem Koolhaas. Sein Beitrag »Preservations«, eine Analyse von gleichzeitiger Bewahrungswut und Zerstörungsucht, ist in der Mittelachse des Palazzo delle Esposizioni zu finden. Erneut schafft es der ehemalige Wortführer des »Fuck the Context« mit einem neuen Ausstellungsformat und scheinbarem Gesinnungswandel zu irritieren. Dort wo vor Jahren mit riesigen Fototapeten der Boom von Dubai bildmächtig demonstriert wurde, lümmeln erschöpfte Besucher auf der Originalmatratze seines unter Denkmalschutz gestellten »Hauses in Bordeaux«, sitzen Studenten auf Holzstühlen der 1930er-Jahre aus dem Münchner Haus der Kunst, für dessen Sanierung er Vorschläge macht, und blättern in Fotoalben. Wie im Wohnzimmer sind kleinformatige Kopien der OMA-Projekte über die Wand verteilt, Beschriftungen auf vergilbte Tesakreppstreifen gekritzelt. Anstelle einer linearen Chronologie konstatiert Koolhaas ein gleichzeitiges »Cronocaos« verschiedener Epochen, dessen Phänomene er mittels Collagen, wie Bettlaken über Teppichstangen auf A0-Plots gehängt, erläutert.
Einfach nur Architektur?
Erfrischend pragmatisch erscheinen da die Konstruktionen aus Selbstbau-Holzsesseln von raumlaborberlin, die die Giardini um das von ihnen aufgeblasene »Küchenmonument« – ein Veranstaltungsraum in einem transluzenten Plastikballon – herum bewohnbar machen. Den Preis für den besten Länderpavillon gewann Bahrein: Die drei Original-Fischerhütten sind das Symbol für den Untergang traditioneller Fischerei- und Seefahrerkultur, die durch massive Neulandgewinnung und Bautätigkeit im Königreich ihrer Grundlagen beraubt werden. Harsche Kritik gab es dagegen von Medien und Besuchern für den deutschen Pavillon. Die szenografische Interpretation des Themas »Sehnsucht« bleibt unverständlich, nachvollziehbare Erläuterungen fehlen. Die sich ins unendliche spiegelnden Leuchten aus dem Palast der Republik, die Kunstinstallationen von Sigrun Appelt und Gottfried Müller sowie die 180 biedermeierlich gerahmten Architektenskizzen wirken isoliert und deshalb wie eine kraftlose dekorative Staffage für den »roten Salon«, in dem nichts passiert. Im Arsenale und Palazzo delle Esposizioni sind viele der abstrakten Exponate nur für Kenner konkreten Bauten zuzuordnen; manchmal helfen kleine Filme wie bei Sou Fujimotos »Primitive Future House« (Abb. 1). Hintergrundinformationen liefert aber der empfehlenswerte alphabetisch geordnete Katalog. Selbsterklärend sind dagegen nur wenige Installationen, etwa Toyo Itos Taichung Metropolitan Opera House, dessen Bau dieses Jahr begonnen wurde (Abb. 7, 9). Anhand von Modellen und Diagrammen wird sogar der Entwurfsprozess anschaulich gemacht. Offensichtlich ist es doch nicht so schwierig Architektur auszustellen – und das mit den ganz alltäglichen Arbeitsmitteln von Architekten.Frank Kaltenbach
