Auf dem Land ist Baugrund billig, für die landesüblichen Konstruktionen sind die erforderlichen Baustoffe, Erde oder Steine, Holz oder Bambus, meist auf dem Grundstück vorhanden oder können günstig erstanden werden. Zwischen Saat- und Ernteperioden bleibt genügend Zeit, um ein Haus mit Hilfe der Familie und der Nachbarn zu errichten. Einen Baumeister braucht man dazu oft nicht, denn die ortsüblichen Baumethoden sind allen bekannt. Neue Materialien wie Wellblech oder Beton lassen sich scheinbar leicht integrieren, Mängel werden hingenommen, denn in der nächsten Trockenperiode bleibt immer Zeit für deren Beseitigung.
Der größte Teil der immer schneller anwachsenden Weltbevölkerung lebt jedoch in den Metropolen und Großstädten der Dritten Welt. Dort ist Bauland teuer, ebenso das Baumaterial und dessen Transport. Für Selbsthilfe bleibt wenig Zeit, denn Löhne und Verdienst sind meist so gering, dass sich eine Arbeitskraft mehrere Erwerbsquellen sichern muss. Es wandern vor allem junge und aktive Menschen in die Städte ab. Schuld daran sind die mangelnde Entwicklung ländlicher Bereiche, geringe Bildungschancen und zunehmende Desertifikation, aber auch der Übergang zur mechanisierten Farmwirtschaft, der Arbeitskräfte freisetzt. Auf der anderen Seite locken die Städte mit Verdienstmöglichkeiten. Auch heute noch macht Stadtluft »frei«, lockert die Bindungen zur Großfamilie und vermeidet ihre laufende Kontrolle. Ebenso treiben Bürgerkriege und Hungersnöte die Massen zu den großen Hafenstädten und Flugplätzen – nur dort ist internationale Hilfe zu erwarten.
Folgen des Städtewachstums
Rooming
Die jährlichen Wachstumsraten der Metropolen der Dritten Welt liegen deshalb oft bei 10% und mehr. Weder ist eine Stadt im Stande ihre Infrastruktur parallel in vergleichbaren Schritten zu vergrößern, noch können genügend Wohnungen für die Zuwanderer geschaffen werden. Meist ist ein intensives Stadtwachstum die Folge, bei dem die bebaubare Fläche nur geringfügig zunimmt, die bebauten Gebiete jedoch immer weiter verdichtet werden. So beispielsweise in Lagos, Nigeria, wo die Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten um 11% jährlich wuchs, während die bebaute Fläche durchschnittlich nur um etwa 5% anstieg. Nur »Rooming« erlaubt eine solche Verdichtung, also Wohnen in den einzeln vermieteten Räumen eines Hauses, fünfzehn und mehr Einheiten entlang einem Innengang, dazu am Gangende oder auf dem Hof Gemeinschaftsküche und -toilette. 85% aller Einwohner dieser Stadt lebten 1976 in dieser Wohnform bei einer durchschnittlichen Belegung von fünf Personen pro Raum. Im Extremfall lassen sich so bei der in Afrika üblichen zweigeschossigen Bebauung bis zu 3000 Einwohner auf einem Hektar zusammenpferchen.
Die wenigsten Zuwanderer sind finanziell im Stande, sich Rooming zu leisten. Viele, vor allem Muslime, verweigern zudem aus Glaubensgründen das Zusammenleben der Familie in einem Raum. Wer also nicht bei Angehörigen seines Stammes oder bei Verwandten unterkommt, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich ein Quartier in einer der vielen illegalen Ansiedlungen am Stadtrand zu suchen, auf Bauerwartungsland oder eigentlich nicht bebaubarem Gelände. Wo die gesetzlichen Voraussetzungen oder die politische Situation für Landnahme günstig waren und offizielle Kontrollen oder die der Landbesitzer versagten, kam es schon sehr früh zu solchen wilden Ansiedlungen (Squatter-Settlements, Bidonville, Favelas, Gecekondus). Viele Metropolen der Dritten Welt bestehen überwiegend aus diesen Spontansiedlungen, Bogotá beispielsweise zu 60 %, Kalkutta zu 70 %. Die schnell aus Abbruchmaterial, Wellblech, aufgeschnittenen Benzinfässern, Plastikbahnen und Karosserieteilen zusammengebauten Unterkünfte sichern erst einmal den Besitzanspruch. Kann unter dem Druck der Öffentlichkeit mit den Landeignern eine Übereinkunft erzielt oder aus politischen Gründen der Anspruch toleriert oder gar legalisiert werden, stehen dem schrittweisen Umbau der Hütten zu stabileren Häusern immer noch Finanzierungsprobleme im Wege.
Förderungsmodelle
In vielen Ländern Afrikas und Amerikas wurden bis in die 80er-Jahre hinein Spontansiedlungen auf Anweisung der Machthaber von Militär oder Polizei mit Bulldozern beseitigt. Das Problem war damit natürlich nicht gelöst – den Verjagten blieb nichts anderes übrig, als sich an anderer Stelle eine Notunterkunft zu errichten. Nur langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass eine Wohnstatt wie Nahrung und Kleidung, Gesundheit und Bildung zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehört. Den Staaten der Dritten Welt wird es erst gelingen, einen angemessenen Wohnungsmarkt für den Bedarf der unteren Schichten aufzubauen, wenn sie den Wunsch ihrer Bürger nach kooperativer Selbsthilfe anerkennen, ihren Bedarf an Bauland in die Stadtplanung integrieren und mit Besitztiteln oder langfristigen Pachtverträgen sichern. Ebenso müssen die Möglichkeiten für staatliche Wohnbauförderungen und steuerliche Abschreibung verbessert, von den Banken Finanzierungsmodelle entwickelt werden.
East Wahdat
Natürlich gelten diese Forderungen nicht nur für die Zukunft, sondern auch für bereits existierende Squatter-Quartiere. Ein Beispiel ist die in den Wirren der Palästinenservertreibung in Amman, Jordanien, entstandene wilde Ansiedlung East Wahdat. Sie wurde außerhalb eines offiziellen Lagers von Flüchtlingen an einem Hang am Rande der Wüste mit primitivsten Mitteln und ohne planerische Überlegung angelegt. Diese Bebauung wurde von der Verwaltung niemals anerkannt, die Bewohner, ein Nomadenstamm, meinten auch nicht auf ihre Besitzrechte verzichten zu können, aber vertreiben konnte man die Menschen trotz der herrschenden westlichen Rechtsauffassung nicht – schließlich waren sie auch Muslime. Weil die Besetzer jederzeit mit einer Räumung rechneten, taten sie auch über Jahrzehnte nichts, um das Leben in ihrem Slum zu verbessern. In einer Fallstudie nahm sich das Urban Development Department Amman mit Bestandserfassungen, Erneuerungs- und Finanzierungsvorschlägen der Siedlung an – sie sollte ein Modell werden für die Erneuerung von Slumgebieten. Nachdem die Nutzer die Sanierungsplanung akzeptiert hatten und die Landbesitzer sich mit einer geringen Summe hatten abfinden lassen, begleitete die Hilfsorganisation über Jahre das Projekt. Die Realisierung der vorgeschlagenen Schritte zur Erneuerung des Gebietes von der Umlegung der Grundstücke über die Entwicklung einer sinnvollen physischen und sozialen Infrastruktur bis hin zu einer Bausatzung, die islamischen Regeln folgend eine große Baufreiheit mit einer hohen Sicherung nachbarschaftlicher Rechte kombinierte, waren zusammen mit einer Finanzierung über Kredite die Grundlagen für die Bautätigkeit in kooperativer Selbsthilfe. Die nun mehrgeschossige Bebauung erlaubt eine sinnvoll hohe Verdichtung bei gleichzeitigem Anwachsen der öffentlichen und gemeinschaftlichen Flächen. Noch immer wird gebaut – kein arabisches Wohngebiet wird jemals fertig. Der nicht informierte Besucher kann die Gebietsgrenzen von East Wahdat nicht mehr erkennen, es bildet mit den geordnet entstandenen Nachbargebieten eine Einheit. Die Organisatoren, Planer und Bewohner wurden für ihre Leistungen mit dem Aga-Khan-Preis belohnt.
Neue Siedlungsmodelle
Ein ähnlich gestaffeltes Vorgehen hat sich auch für Neubaugebiete durchgesetzt. Hier sollte die Bestandserfassung vor allem die Bebaubarkeit des Geländes abklären und die Vernetzung der Infrastruktur mit jener der Nachbargebiete sichern. Eine in der Grundstücksgröße flexible Planung ist besser als eine am Ende doch theoretische Schätzung des Bedarfs nach Familiengröße und Einkommensgruppen. Eine rasche und reibungslose Bebauung in Selbsthilfe wird wesentlich erleichtert, wenn die Straßen und Leitungsnetze sowie der Gebäudeanschluss bereits vorab gefertigt wurden.
