Diskussion: Aufkommen und Entwicklung der minka

Minka ist die Bezeichnung für das Haus des gewöhnlichen Bürgers. Abgegrenzt zum Wohnhaus der zivilen wie militärischen Aristokratie und dem Klerus werden unter dem Begriff minka sowohl die Häuser der Bauern, noka, als auch die der Stadtbewohner, machiya, subsumiert. Das minka ist durch einige Charakteristika gekennzeichnet, die es deutlich von früheren Bauten abhebt. Zu den herausragenden gehört wohl der Übergang zu Lehmwänden bzw. lehmverputzten Wänden und der Übergang von der Pfostenkonstruktion zur Stützenkonstruktion. Die früher zwecks Stabilisierung in den Boden gegrabenen Pfosten wurden in der späten Muromachi-Zeit, gegen Ende des 15. Jahrhunderts, als Stützen auf Fundamentsteine gestellt. Dies hatte bedeutende Fortschritte in der Verzimmerungstechnik zur Voraussetzung. Ein weiteres Kennzeichen des minka ist ein Bereich im Inneren, yuka, der deutlich vom Erdboden abgehoben ist.

Diskussion: Aufkommen und Entwicklung der minka

Die späte Muromachi-Zeit wird auch als die Periode der Streitenden Reiche bezeichnet. Ausgehend von der Onin-Rebellion im Jahre 1467 veränderte diese Bürgerkriegszeit nachhaltig die japanische Gesellschaft. Die Kriegsherren unternahmen große Anstrengungen um die Erträge ihres Landes zu steigern. Neuentwicklungen und Verbesserungen technischer Geräte, wie etwa der Wasserräder, ermöglichten die Anlage neuer Reisfelder. Damit steht ein erstaunlicher wirtschaftlicher Machtzuwachs der Bauern in unmittelbarem Zusammenhang. Architektonisch suchte und fand diese ökonomische Potenz ihren Ausdruck in einer Übernahme von Bauformen durch Bauern, die ehedem einer kleinen Oberschicht vorbehalten gewesen war. Auf diese Nachfrage war das Reservoir an erfahrenen Handwerkern, im besonderen Zimmerleuten, nicht vorbereitet. Die primitiven früheren Behausungen hatten sich die Bauern selbst errichtet. Die sich nun ausbreitende Ständerbauweise erforderte die Erfahrung von Berufshandwerkern.

Noch ein anderes Problem war mit der so plötzlich anfallenden Nachfrage nach Häusern aufgetreten, die einst für nur ganz wenige errichtet wurden, nun aber von einer großen Zahl Menschen verschiedener Klassen gefordert wurden. Die Quantität an benötigtem Bauholz stieg unermesslich. Holz war in dieser Periode kriegerischer Auseinandersetzungen ohnedies der Rohstoff schlechthin. Die Wälder wurden radikal abgeholzt für die Produktion von Energie. Die tatara-Eisenschmelztechnik1 verbrauchte Unmengen an Brennholz und Holzkohle. Sie war die Grundlage für die Waffenerzeugung. Es gibt Wissenschaftler, die glauben, dass der Übergang zur lehmverputzten Wand als ein Lösungsversuch aus dem kriegszeitlich bedingten Dilemma der Abholzung der Wälder zu interpretieren ist 2.

Nur wenige Funde belegen, wie die Häuser der einfachen Leute während der Jomon- und Yayoi-Periode (10 000 v. Chr.3 – 300 v. Chr. bzw. 300 v. Chr. – 300 n. Chr.) ausgesehen haben. Man geht davon aus, dass eine Pfostenskelettkonstruktion ein stroh- bzw. grasgedecktes Dach4 getragen haben. Die Wände waren in ganz ähnlicher Art oder mit Holzbrettern verkleidet. Die Gebäude des Ise-jingu-Komplex sollen die urtümliche Bauweise weitgehend in unsere Zeit tradiert haben. Reine Holzwände kennzeichnen seine Bauten als Schreine, shintoistische Sakralbauten. Chise, die Häuser der Ainu, der Ureinwohner Japans, sollen noch mehr oder weniger unverfälscht die Bauweise der Jomon-Zeit widerspiegeln. Ebenso wie die anaya, die traditionellen Häuser auf Okinawa: ihre Kennzeichen sind eingegrabene Pfosten und ein Stroh- bzw Grasdach und ebenso verkleidete Wände.

Lehmwände tauchten erstmals im 6. Jahrhundert mit der Einführung des Buddhismus auf. Die Bauten des Horyu-ji-Komplex zeigen ganz deutlich ihre Herkunft aus China bzw. Der japanische Tempel, als buddhistischer Sakralbau, errichtet die Wandscheiben zwischen den tragenden Säulen aus Lehm oder lehmverputztem Trägergeflecht. In der Heian-Zeit (794 – 1185 n. Chr.) etablierte sich der shinden-Baustil. Charakteristisch war der sehr offene Raum, der nahezu ohne Wände auskam. Allerdings gab es auch kleine Räume, die nurigome genannt werden. Ihr Name enthüllt, dass es sich um lehmverputzte Wände handelt5. Im shoin-Stil der Muromachi-Ära hießen Räume ganz allgemein nurigome. Die Samurai hatten in ihren Häusern verputzte Wände nur noch als kleine Trennwände. Die meisten Wände waren Holzrahmenkonstruktionen, die mit Papier beklebt waren. Im nurigome zukuri bzw. nuriya zukuri (»verputztes Haus«-Stil) der Städte der Edo-Zeit (1603 – 1868) hielt sich die verputzte Wand als Feuerschutz. Es sind immer die Schwächeren, die zuallererst und am intensivsten unter kriegerischen Auseinandersetzungen zu leiden haben. Im Normalfall beschränkten sich die Bedürfnisse der Hausbewohner auf ein Geschütztwerden vor den Unbilden von Wind und Wetter. Die verheerenden Kriegs-züge ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erzwangen die Abkehr von einem Hausbau, der nicht zu verteidigen war. Die Kaufleute, die Bauern, die Handwerker brauchten massivere Häuser, die ihnen und ihrem Besitz, ihren Vorräten Schutz boten. Große Teile der Landbevölkerung wanderten in planmäßig angelegte Burgstädte ab.

Die minka als die Häuser der Regierten bekamen Außenwände aus Lehm. Die Lehmwand wurde im Laufe der Ausformung des minka zunehmend zu einem Charakteristikum. Kabe, das japanische Zeichen für Wand, soll ursprünglich für einen Zaun aus Lehm und Steinen gestanden sein, mit dem Zweck, Feinde abzuhalten6. Das Zeichen kommt aus dem Chinesischen. In China baute man, wie in Europa, massive Stein- und Lehmwände. Die japanische Wand hingegen war zuallererst eine Raumtrennung, eine Blickschranke.

Die Technologie stand grundsätzlich zur Verfügung und wurde mit der Dauer der Bürgerkriege stetig verbessert. Ein weitverzweigtes Netz von befestigten Burgen überzog das Land. Diese Burgen führten der einfachen Bevölkerung vor Augen, wie man Holzbauten widerstandsfähig und brandhemmend ausstatten konnte. Es war der Verputzmantel, der dem Holzgerüst den Schutz gegen Feuer bot. Der Aufbau bestand aus vielen Schichten übereinander-gelegter Putze, die verschieden zusammengesetzt waren. Nach außen hin wurden sie immer dünner und feiner. Die Technologie war so perfektioniert und offensichtlich so unersetzlich, dass sie bis ins 20. Jahrhundert mitgetragen wurde.

Der Wunsch, sich einzuschließen, um sein Leben zu schützen, spiegelt die Reaktion auf die Kriegswirren und das damit verbundene Durcheinander wider. Imai-cho in Kashihara-shi lässt uns noch heute ablesen, wie sich Kaufleute in ihren jinaicho (kleine Stadt im Tempel) zu schützen suchten. Das Viertel war von Erdwällen und einem Wassergraben umgeben. Die Straßen schlagen Haken. Der angestrebte Zweck war, dass der eindringende Feind von keinem Ort aus die Gelegenheit haben sollte, einen Straßenzug in seiner ganzen Länge einzusehen. Die Fensteröffnungen sind massiv vergittert wie die eines Gefängnisses. In diese Zeit fällt auch die Entwicklung kleiner Teehäuser, die durch die Enge des Raumes ein Gefühl der Geborgenheit erzeugen sollten.

Erneut einen grundsätzlichen Umschwung brachten die Tokugawa-Machthaber in der Edo-Periode (1603 – 1868). Ieyasu Tokugawa gelang es, das Land zu einen und damit eine jahrhundertelange Friedensperiode einzuleiten. Die nach der Hauptstadt auch Edo-Zeit genannnte Periode gab die Möglichkeit, das Prinzip der gebauten Sicherheitsgarantie Zug um Zug aufzuweichen zugunsten einer Öffnung gegenüber den Annehmlichkeiten eines Kontaktes des Innenraumes zum Außenraum.

Fußbodenebenen und -materialien

Minka werden augenscheinlich durch zwei verschieden hohe Fußbodenniveaus in zwei Bereiche gegliedert. Der ebenerdige Bereich auf nacktem Erdboden wird doma genannt. Es ist als Arbeitsbereich vorgesehen. Dort können auch Stallungen untergebracht sein. Yuka, der vom Erdboden abgehobene Teil des Hauses, dient dem Wohnen. Während der Jomon-Zeit lebten die Menschen großteils unter Dachkonstruktionen ohne Wände, manche auch in Häusern. Teilweise standen die das Dach definierenden Konstruktionen auch über in den Erdboden gegrabenen Gruben. Gemeinsames Charakteristikum aller Behausungen jener Zeit ist, dass sie keinen vom Erdboden abgehobenen Fußboden kannten. Die ersten aufgeständerten Bauten waren Speicher, um das Lagergut bestmöglich zu schützen. Über den Schreinbau auf Pfosten gelangte diese Bauweise zur Nobilität. Die Häuser der einfachen Leute verharrten noch lange in ihrer urtümlichen Form.

Im östlichen Teil Japans ist es im Winterhalbjahr empfindlich kalt. Trotz Übergang zum minka behielt man deshalb noch lange eine Feuerstelle bei, die in den Boden gegraben war. Diese Feuerstelle, irori genannt, war Wärmequelle, Kochplatz und nicht zuletzt auch Lichtquelle. Damit konnte sich in diesem Teil Japans auch noch im minka lange Zeit der gestampfte Lehmboden als Fußboden halten. Manche minka hatten noch während der Edo-Zeit Lehmböden. Ausgebreitetes Stroh oder Reisschalen sorgten im Winter als Isolationsschicht. Diese Bodenbeläge waren wahrscheinlich wärmer, als es ein Holzboden ist.

Im westlichen Teil Japans lassen sich hingegen schon sehr früh Holzfußböden im minka nachweisen. Das Hakogi sennenya, ein sogenanntes tausendjähriges Haus, wird in die Muromachi-Zeit, ins 15. Jahrhundert datiert. Etwa die Hälfte seines Grundrisses wird von einem Bretterboden überdeckt, itajiki genannt. Dieser Wohnbereich ist seinerseits in zwei gleich große Bereiche geteilt. Die nach vorne (zur zu öffnenden Längsseite) schauende Hälfte dient dem Empfang von Gästen, die hintere Hälfte dem eigenen Wohnbedarf. Diese Teilung in persönlichen Wohnbereich und Gästebereich wird noch deutlicher im Furui sennenya, ein ähnlich altes minka in der gleichen Präfektur Hyogo. Dort ist nur der vordere Teil verbrettert und der hintere Teil mit Bambusstangen überdeckt, die so dicht gelegt sind, dass sie eine begehbare Fläche bilden.

Betrachtet man den konstruktiven Aufbau des Hauses genauer, stellt man fest, dass sämtliche Stützen und Dachbalken von erstaunlich schlanker Dimension im Vergleich zum Großteil aller späteren minka sind. Darüber hinaus sind viele dieser konstruktiven Hölzer krumm, also sicherlich nicht ein Bauholz erster Güte. Für die Dachkonstruktion und die eingezogenen Decken wurde sogar viel Bambus verwendet. Denkt man an die zeitliche Einordnung, verwundert dieser sparsame Umgang mit Holz auch gar nicht. Holz war selten, daher wertvoll und teuer. Umso mehr verblüfft aber die Tatsache, dass die Bodenbretter von erstklassiger Qualität sind. Sie sind lang und breit. Erklären lässt sich diese verblüffende Erkenntnis nur damit, dass im minka Räume mit Holzfußböden als ein ganz besonderer Bereich eingeführt wurden, der dem Empfang von Gästen vorbehalten war. Im Laufe der Zeit wurden die itajiki – Holzböden des Gästebereichs durch zashiki ersetzt – Böden mit tatami Mattenbelag.

Auch im östlichen Teil Japans kam es zu Veränderungen. Der Wohnbereich wurde ebenfalls auf einen Holzboden hinaufgehoben. Dieser Bereich wurde hiroma genannt, der großräumige, offene Raum. Die irori-Feuerstelle wurde beibehalten. Und auch hier kam es zur Einführung der zashiki, eines Gästebereichs, der durch die tatami gekennzeichnet war. Die Einrichtung der zashiki übernahm die augenfälligsten Ausstattungsobjekte des shoin Studierraumes. Neben der tokonoma (Bildnische)7 gehörte dazu vor allem shoin, eine erkerartige Lesenische. Die Kriegerklasse hatte als Vorbilder die Studierräume der Zenmönche in der Muromachi-Zeit übernommen und wurde nun ihrerseits im minka kopiert.

Die vollständige, vollendete Form des minka hatte somit drei verschiedene Arten von Räumen: doma – den Arbeitsbereich, itajiki – jenen Bereich, der mit Holzbrettern ausgelegt war, und zashiki – Räume, die dem Empfang von Gästen dienten.

Fensteröffnungen

Mit der Aufteilung der Bodenfläche im Inneren der minka korreliert die Entwicklung ganz spezieller Fensteröffnungen.

Fenster im Doma-Bereich

Die Häuser der Jomon-Periode hatten in den Boden eingegrabene Pfosten und waren mit organischem Material gedeckt. Im Inneren des Hauses gab es einen irori – Herd zum Kochen und Heizen. Damit das Herdfeuer optimal brennt, braucht es viel zugeführte Luft. Viel Luft von außen führt aber zur Abkühlung im Inneren, im Winter zu extremer Kälte. Wäre allerdings der Luftaustausch mangelhaft, würde nicht nur das irori-Feuer schlecht brennen. Viel fataler wären die Folgen unzureichend verbrannter Gase im Inneren der Behausungen. Das Reet- bzw. Strohdach erweist sich unter diesem Gesichtspunkt als die ideale Abstimmung auf die damaligen Gegebenheiten rund um den irori-Herd. Bei der Verbrennung von Holz im Herdfeuer entstehen Rauchgase, die nach oben aufsteigen und sich unter dem Dach sammeln. Dieser warme Rauch heizt das Haus, bevor er langsam durch das Gras bzw. Stroh nach außen dringt. Die Räucherung der Dachdeckung verhindert weitgehend eine dauerhafte Einnistung von Insekten. Die Dachhaut aus Gras bzw. Stroh lässt im gerade richtigen Ausmaß Frischluft ins Innere des Hauses und die Rauchgase nach außen diffundieren. Im Winter funktioniert dieser Rauchabzug nicht, zumindest nicht in ausreichendem Ausmaß. Die Schneedecke auf dem Dach kann so hoch und dicht werden, dass der notwendige Luftaustausch nicht mehr gewährleistet wäre. Die Lösung dieses Problems brachten kleine fensterartige Öffnungen im Dach. Diese konnten direkt unter dem First angebracht werden, indem ein Teil der Firstlinie etwas höher gesetzt mit einem kleinen Satteldach überdeckt, die geschlossene Schneedecke zu durchbrechen half. Oder man öffnete die Dachschräge mit einer oder mehreren Gaupen über dem doma-Bereich. Je nachdem, wo sie angebracht waren, nahe am First, nahe an der Traufe oder irgendwo dazwischen, je nachdem, wie groß sie waren, je nachdem, wie sie gestaltet waren, kann der Spezialist eindeutig zuordnen, in welcher Region Japans dieses Haus anzutreffen ist. Noch sind einige Beispiele erhalten, die den Betrachter auf die unglaubliche Vielfalt in der Variation hinweisen. Man geht davon aus, dass diese Variation bereits in der Jomon-Zeit angelegt wurde. Als das Haus noch wandlos auf dem Boden stand, waren diese Öffnungen die einzige Möglichkeit des Rauchabzugs im Winter. Dies macht die Annahme so wahrscheinlich, dass es sich bei den Dachöffnungen über dem doma-Bereich um eine tradierte Entwicklung jener frühen Epoche handelt.

Solange auch die Wände mit Stroh oder Gras geschlossen wurden, war die Luftzufuhr ins Innere des Hauses sichergestellt. Mit der Errichtung von Lehmwänden konnte das alte Prinzip nicht mehr funktionieren. Diese Wände verhinderten jeglichen Lichteinfall ins Innere des Hauses. Das gewonnene Sicherheitsgefühl ging zu Lasten gewohnter oder gewünschter Durchlässigkeiten. Die Ausbildung spezifischer doma-Fenster war somit vorprogrammiert. Wenn beim Verputzen der Wände gezielt einige Öffnungen unverputzt blieben, dann konnte durch das Geflecht des Putzträgers die benötigte Luft ins Haus strömen. Und es konnte auch etwas Licht ins höhlenartig wirkende Innere gelangen. Im Laufe der Zeit ersetzte man diese improvisiert wirkenden Löcher in der Wand um den doma-Bereich durch die Einfügung von Fensterrahmen in das Trag-skelett.

Zwei Fenstertypen sollen speziell herausgegriffen werden. Musomado sind meist liegende Fenster mit senkrechten, in regel-mäßigen Abständen angeordneten Schlitzen. Zwei hintereinander angeordnete solche Grillstrukturen können so gegeneinander verschoben werden, dass die Öffnung nach Belieben geschlossen oder auch dosiert geöffnet werden konnte. In manchen Gegenden Japans war das Schneeaufkommen so groß, dass Fensteröffnungen in der Wand unter der Schneedecke verschwanden. Zu diesem Zweck wurden takamado entwickelt. Diese sogenannten hohen Fenster waren in einer Höhe eingebaut, dass sie über der Schneedecke lagen. Um sie zwecks Ventilation und Belichtung bedienen zu können, bedurfte es eines Öffnungsmechanismus über Schnüre. Auch in sehr dicht besiedelten Gebieten war man auf eine hochgelegene Belichtungsquelle angewiesen. Tenmado (Himmelsfenster) ist ein weiterer Name, der ganz deutlich seine Funktion benennt.

Fenster im Hiroma-Bereich

Die Raumteilung im minka unterlag einem zweiphasigen Prozess. Die erste Phase betraf die Trennung des Arbeitsbereichs vom Wohnbereich, des Bereichs auf dem gestampften Boden vom erhöhten Bereich, der mit Brettern ausgelegt war. In der östlichen Hälfte Japans wurde jener Wohnbereich hiroma genannt. Zunächst unterschieden sich die beiden Bereiche nur dadurch, dass im hiroma-Bereich die Feuerstelle irori anzutreffen war. Darüber war ein Loch in der Raumdecke, durch das der Rauch abziehen konnte. Zwischen doma und hiroma gab es keine Wände. Gemeinsam bildeten sie einen großen Raum. Um irori herum hatte man getrachtet, den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu gestalten, indem man möglichst hoch mehrere Schichten an isolierendem Material auf den kalten Erdboden legte. In einem weiteren Schritt ersetzte man die gelegten oder geflochtenen Schichten durch einen Bambusboden, bevor man dazu überging, Bretter zu verlegen.

Im Osten ist es notwendig, während eines Großteils des Jahres zu heizen. Insofern ist es durchaus sinnvoll, die Feuerstelle zum Kochen und zum Heizen zusammenzulegen. Ganz anders war die Situation in der westlichen Hälfte Japans, wo die Sommer sehr lang sind, und man sich nichts sehnlicher wünscht, als die Hitze aus dem Haus draußen zu halten. Gelingt es, wenigstens die Wärmequelle Kochherd aus dem Wohnbereich zu verbannen, hat man für das Wohlbefinden einen nicht unbedeutenden Beitrag geleistet. Schon sehr früh, Ende der Kofun-Zeit (300 n. Chr. – 710 n. Chr.), führte dieses Bedürfnis zu einer Trennung in zwei Feuerstellen. Im höhergelegenen Wohnbereich gab es die irori-Feuerstelle. Für das Kochen wurde im doma-Bereich ein eigener Herd errichtet. Kamado nannte man die erhöhte gemauerte Feuerstelle, die vielfach Platz für mehrere Kochgefäße bot.

Die Entwicklung der kamado war nicht unwesentlich beeinflusst von der sich im Westen rapide ausbreitenden Kultivierung des Reisanbaus. Es bestand der Bedarf nach Feuerstellen, auf die man Reistöpfe stellen konnte. Im Osten konnte der Reisanbau nur sehr langsam Fuß fassen. Es gab somit keinen Grund die traditionelle Form der irori in Frage zu stellen.

Mit der Effektivität der irori ausschließlich zu Heizzwecken nicht zufrieden, ersetzte man diese schließlich durch hibachi (Holzkohlenpfannen). Dies hatte einen ganzen Rattenschwanz an baulichen Änderungen zur Folge. Um die Wärme des Holzkohlenbeckens wirklich auszunützen bzw. seinen Wirkungsgrad zu erhöhen, wurde der zu beheizende Raum so stark verkleinert, als dies nur möglich war. Man stellte Trennwände auf und zog Raumdecken ein. Damit noch nicht zufrieden, entwickelte man zur Effizienzsteigerung yamato tenjo, speziell verputzte Decken.

Im doma-Bereich konnte man sich lange Zeit mit Minimalöffnungen zufrieden geben. Im Wohnbereich wollte man das nicht. Dem Bedürfnis nach Schutz stand der Wunsch entgegen, den Wechsel der Jahreszeiten mitzuerleben. Dies war nur möglich, wenn es gelang, wenigstens einen Sichtkontakt von innen nach außen herzustellen, noch besser die Wand zu öffnen. In den sennenya-minka Furui Haus und Hakogi Haus (aus dem 15. und 16. Jahrhundert) vermittelt der verbretterte Raum zum Empfang von Gästen noch einen äußerst abweisenden, verschlossenen Eindruck. Die Wand wird geöffnet, indem jeweils ein Standardabstand zwischen zwei Stützen halbiert wird. Die eine Hälfte ist geschlossene Wand, die andere Hälfte lässt sich als Holzschiebetür hinter die lehmverputzte Wand schieben. Zug um Zug wird der Lehmwandanteil im Laufe der Jahrhunderte verringert. In der Kanto-Region (der Großraum um Tokio) trifft man im Kitamura-Haus in Hitano shi aus dem 17. Jahrhunderrt noch sogenannte shishimado an. Dabei handelt es sich um Wandelemente, die im unteren Drittel lehmverputzt sind. Darüber sind bis in Türhöhe senkrechte, feste Stäbe als Fenstergrill eingebaut.

Die gänzliche Aufgabe eines massiven Wandteils schafft aber noch immer nicht die Möglichkeit, den Wohnbereich vollständig zu öffnen, wohin die Entwicklung schluss-endlich geführt hat. Der nächste Schritt ist in einer Anordnung zu sehen, die zwischen zwei Stützen zwei Holzschiebetüren und eine mit Papier bespannte Tür anordnet. Jede der Türen läuft in einer eigenen Nut. Damit ist es möglich, zwei Holzschiebetüren hintereinanderzuschieben und zu wählen, ob man von außen nicht eingesehen werden will und nur das Licht in den Raum fallen lässt. In diesem Fall werden die papierbespannten Türen vor die Öffnungen geschoben. Von außen erscheint das Haus geschlossen, von innen hat man das Gefühl eines halboffenen Charakters: Licht dringt ins Haus, Geräusche jeglicher Art haben keine Barriere, schemenhaft lässt sich von innen der Außenbereich wahrnehmen.

Ein charakteristisches hiroma-Fenster ist das shitomido. Waagrecht zweigeteilt lässt sich der obere Teil ins Rauminnere hochklappen und so in seiner Lage fixieren. Der untere Teil, etwa halb so hoch wie der Klappteil, kann dann aus seiner Führung hochgezogen und entfernt werden. Die einzelnen Teile sind mit Paneelen hinterlegte, vergitterte Rahmenkonstruktionen. Zwischen je zwei Stützen ist ein zweiteiliges Fensterelement in der Größe einer Türöff-nung angeordnet. Auch hiebei handelt es sich um eine Entlehnung aus dem shinden zukuri.

Fenster im Zaki-Bereich

Der zweite Schritt in der Entwicklung der Raumteilung des minka wurde mit der Abtrennung eines Teils vom Wohnbereich für den Empfang von Gästen getan. Pate gestanden sein dürfte das zashiki der Samurairesidenzen, das den shoin-Stil prägte. Der mit tatami ausgelegte Bereich trat vielfach in Kombination mit einem Garten und einer Veranda auf, die sich vor oder um den tatami-Bereich legte. Die zashiki-Räume zeigen mit ihren vielen Formen der Öffnungen die zugrundeliegende Idee, das minka gegenüber den Annehmlichkeiten des Sommers zu öffnen.

Andere Fensterformen

Neben den drei vorgestellten Bedingungen, die eine je spezifische Ausformung von Fensteröffnungen bewirkt hatten, gab es eine ganze Reihe anderer, wovon noch einige Beispiele vorgestellt werden sollen.

Die während der Bürgerkriegszeit gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen ließen sich auch in der Folge sinnvoll einsetzen. Die entwickelte Sicherung der Wand gegen Brandschatzung und andere Einwirkungen kriegerischer Auseinandersetzungen, wie Einbruch und Plünderung lässt sich im kura (Speicher) ebenso wiederfinden wie in manchem machiya (Stadthaus). Händler und Handwerker wollten Waren und Vorräte auch in der friedlichen Periode der Edo-Zeit vor Feuersbrünsten und Dieben geschützt wissen. Im machiya wurden die koshi, gefängnisartig wirkende, verputzte Vergitterungen der Wandöffnung, zunehmend weniger massiv. Im Laufe der Zeit wurden die koshi durch immer zarter werdende vor die straßenseitigen Schiebeelemente gesetzte Vergitterungen mit Holzleisten ersetzt; teilweise nur im Erdgeschoss, fallweise auch im Obergeschoss. Ein Wechsel, der auch optisch ins Auge springt. Die verputzten Elemente sind strahlend weiß getüncht, die Holzteile zeigen die von Exponiertheit und Verwitterungsgrad abhängige Färbung braun bis grau.

Diese Holzraster, für die es die vielfältigsten Variationen gab, verfolgten einen ganz neuen Zweck. Sie hinderten den Blick des Vorübergehenden ins Hausinnere hinein. Demjenigen aber, der auf der Innenseite des Hauses direkt hinter den Stäben saß, konnte nichts verborgen bleiben, was sich auf der Straße abspielte.

Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich mit der Seidenproduktion ein Industriezweig, der für die japanische Wirtschaft von eminenter Bedeutung war. Ehemalige Walmdächer von Häusern in bergigen Gegenden (wie etwa Higashitagawa-gun/Yamagata oder Ono-gun/Gifu) wurden so umgebaut, dass sie für die Seidenraupenzucht geeignet waren. Der vormals ungenutzte Dachraum konnte so einer sinnvollen und gewinnbringenden Nutzung zugeführt werden. In manchmal mehreren Etagen übereinander wurden giebelseitig (Ono-gun) bzw. giebel- und ganz prominent auch traufseitig (Higashitagawa-gun) große Fensteröffnungen eingeschnitten. Durch sie konnte die notwendige Belichtung und Belüftung für eine erfolgversprechende Aufzucht der Seidenraupen sichergestellt werden.

Die verschiedenen türartigen Schiebeelemente schlossen den Raum nicht nur nach außen hin ab. Sie dienten im Inneren dem Schaffen von Räumen. Die Größe hing einzig und allein vom Zweck ab und von der Menge der vorgesehenen Schiebeleisten, in die bei Bedarf Türen eingesetzt werden konnten. Die Schiebeelemente an den Außenwänden waren relativ fix, innen papierbespannte Holzrahmen, außen amado aus Holz. Im Inneren war man wesentlich flexibler. Je nach Jahreszeit wurden etwa mit undurchsichtigem, dickem Papier bespannte Türen gegen Elemente ausgewechselt, die so stark durchbrochen waren, dass absolut nichts, was sich hinter der geschlossenen Tür abspielte, unbeobachtet bleiben konnte. Die einen vermitteln ein Gefühl von Abgeschlossenheit. In der kalten Jahreszeit halten sie in minimalem Ausmaß Wärme. Die anderen sollen im Sommer Luftigkeit suggerieren. Der ungehinderte Blick durch die Innenwände des Hauses lässt tatsächlich das Gefühl eines Lufthauchs aufkommen, nach dem man im Sommer an windstillen Tagen so lechzt. Privatheit gibt es sommers wie winters nicht. Ob die Wand durchsichtig ist oder nicht, Ohren hat jede. Im traditionellen Bauen Japans waren Wände architektonische Raumtrennungen.

Letztlich haben die Schiebeelemente noch eine Funktion. Wenn man den Grundriss eines minka nicht kennt, hat man keine Ahnung, was sich hinter Türen oder Wänden verbirgt. Es kann einfach Stauraum sein; es kann sich um rasch weggeräumte Dinge handeln, von denen man nicht will, dass sie ein plötzlich auftauchender Gast sieht; es kann ein anderer Raum sein; es kann sich um einen versteckten Zugang zur Veranda handeln (wie beispielsweise im Nara-Haus in Akita-shi, 18. Jahrhundert); und es kann sich um ein Versteck handeln, hinter dem sich bewaffnete Leibwächter für den Fall der Fälle bereit halten (vgl. Watanabe-Haus in Sekikawa mura, 18. Jahrhundert).

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.