Gemeinschaftliches Wohnen - gestern und heute

In seinem Roman »Utopia« (1516) kommt Thomas Morus auch auf die »schmucken Häuser« und die »geräumigen Hallenbauten« zu sprechen, in denen gemeinschaftlich gespeist wird. Als antizipiere er bereits die bis heute andauernden Prozesse wachsender Individualisierung und des Rückzugs in die familiäre Privatheit, kommentiert - und mahnt - er ahnungsvoll: »Denn, wenn es auch keinem verboten ist, zu Hause zu speisen, so tut es doch niemand gern, da es nicht gerade für besonders ehrbar gilt …«.

Gemeinschaftliches Wohnen - gestern und heute

Die Suche nach Unterstützung und Stärkung von konkreter Gemeinschaftlichkeit im Wohnen war seither ein Kernanliegen aller Sozialutopien und wohnreformerischer Bewegungen. Nach Jahrzehnten eher marginaler Bedeutung scheinen unterschiedliche Formen gemeinschaftlichen Wohnens gegenwärtig wieder stark an Beachtung zu gewinnen, wie dies auch das aktuelle Wachstum ungezählter Initiativen und Projekte, Foren und Informationsbörsen in diesem Bereich dokumentiert. In der jüngeren Geschichte verbanden sich praktische Fortschritte auf diesem Feld vor allem mit dem Aufstieg gemeinwirtschaftlicher Bestrebungen. Bereits in der Hochphase der Urbanisierung, insbesondere ab der vorletzten Jahrhundertwende, bildeten sich im Kontext der Lebensreformbewegung zahlreiche Genossenschaften mit sehr unterschiedlichen lebensweltlichen Ausrichtungen, die in ihren Wohnprojekten und Siedlungen zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen wie Waschküchen, Lesesäle, Versammlungs- und Festräume realisierten (Abb. 1).

Kollektive Wohn- und Siedlungsprojekte erlebten in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Blüte, zumal neben den selbst organisierten Genossenschaften nun vermehrt auch kommunale Bauträger gemeinschaftliche Wohnprojekte errichteten. Besonders erfolgreich in der Einrichtung von Gemeinschaftsräumen waren etwa die Schweizer Baugenossenschaften mit ihren »Kolonielokalen« oder der Wiener Gemeindewohnungsbau mit seinen »Höfen« und den zugeordneten sozialen Einrichtungen (Abb. 2). Auch im deutschen Siedlungsbau spielten Gemeinschaftseinrichtungen programmatisch eine wichtige Rolle, konnten aber dann in der Praxis aus Kostengründen häufig nicht realisiert werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lösten sich die noch überkommenen, auf die Stärkung von Gemeinschaftlichkeit im Wohnen gerichteten Solidarstrukturen, soweit nicht ohnehin durch den Nationalsozialismus zerschlagen, im Zuge der allgemeinen Wohlstandsentwicklung auf. Die gemeinnützige Wohnungs-wirtschaft, auch in ihren genossenschaftlichen Teilen, konzentrierte sich auf eine primär quantitativ verstandene Bedarfsdeckung. Neue Impulse erhielt das gemeinschaftliche Wohnen erst wieder durch die alternative Ökologiebewegung. Oftmals unter den Begriffen »Gemeinsam Planen, Bauen, Wohnen« zusammengefasst, entstanden in den 70er- und 80er-Jahren Räume für alternative Lebensformen. Der damit verbundene dezidierte Gemeinschaftswille manifestierte sich in den Gemeinschaftsräumen und -häusern dieser Projekte.

Der soziale Wohnungsbau konnte nach dem Zweiten Weltkrieg in qualitativer Hinsicht keine wirklich innovative Rolle spielen und trudelte seit den 70er-Jahren in eine tiefe strukturelle Krise, von der er sich bis heute nicht erholt hat. Welchen Beitrag gerade auch gemeinschaftsorientierte Maßnahmen für die – dringend gebotene – Qualitätsoffensive in dem inzwischen als Randgruppenwohnungsbau stigmatisierten sozialen Wohnungsbau leisten könnten, zeigen exemplarisch Projekte wie die erfolgreiche Sanierung der zuvor völlig vernachlässigten Lörracher Sozialwohnungs-Großsiedlung »Im Salzert«, bei der die Errichtung eines Gemeinschaftshauses eine Schlüsselrolle spielte.

Einen interessanten Ansatzpunkt stellen auch, wie in München-Riem oder im Projekt Holzstraße in Linz (Abb. 7), die Versuche dar, innerhalb des sozialen Wohnungsbaus mit überdachten Klimahüllen Kommunikations- und Spielräume für Kinder zu schaffen (Abb. 7).

In größerer Breite sind ehemals gemeinnützige und kommunale Wohnungsbauträger beim Bau und Unterhalt von Gemeinschaftsräumen in den vergangenen Jahren am ehesten im Bereich des Mehrgenerationen- und Seniorenwohnens aktiv geworden. So realisiert etwa die GWG München im Rahmen ihres Neubauprogramms gegenwärtig drei Wohngemeinschaften mit Serviceleistungen (»WGplus«) und eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenzerkrankung. Vieles spricht dafür, dass gerade im Bereich des Wohnens der in ihren Bedürfnissen außerordentlich heterogenen Gruppe der älteren Menschen noch besonders viele unausgeschöpfte Potenziale für Gemeinschafts- und Serviceeinrichtungen liegen, die geeignet wären, die Lebensqualität dieser Menschen zu verbessern. Modellprojekte wie das Gradmann-Haus in Stuttgart-Kaltental, eine Einrichtung für Demenzkranke mit »milieutherapeutischem Ansatz«, geben hierfür Hinweise.

Aber nicht die traditionellen Bauträger, sondern so genannte »neue Bauträger« wie selbstinitiative Baugemeinschaften oder Baugruppen und neue Genossenschaften haben bei der Entwicklung neuer Formen von Gemeinschaftlichkeit im Wohnen gegenwärtig die Führungsrolle übernommen. Das derzeitige Aufblühen neuer gemeinschaftlicher Wohnprojekte kann als Gegenreaktion sowohl zu den Prozessen anhaltender Individualisierung als auch zu den Standardangeboten eines konfektionierten Wohnungsmarktes interpretiert werden, die der differenzierten Vielfalt der Nachfrage nach neuen Haushaltsformen und Lebenskulturen nicht mehr entsprechen. Prototypisch steht hier etwa das Freiburger »Frauenwohnprojekt Rieselfeld«, das durch differenzierte Gemeinschaftsräume und bespiel- und bewohnbare Laubengänge spezifisch auf die Bedürfnisse von Frauen und Alleinerziehenden mit Kindern eingeht. So unterscheiden sich die neuen Projekte gemeinschaftlichen Wohnens häufig auch grundlegend von den traditionellen Genossenschaftsprojekten: Nicht mehr die Versorgung mit Wohnraum, sondern das selbstbestimmte Leben in Gemeinschaft steht heute im Vordergrund.

In Hamburg etwa, jener Stadt mit der größten genossenschaftlichen Tradition in Deutschland, bildeten sich seit den 80er-Jahren zahlreiche neue genossenschaftliche Wohnprojekte, die ihre ursprünglichen Wurzeln im »alternativen Szene- und Hausbesetzermilieu« hatten, aber offen für organisatorische und konzeptionelle Weiterentwicklungen waren. So entstanden dort so genannte Dachgenossenschaften, die als organisatorische Hülle dienen und eine weitreichende Selbstbestimmung der einzelnen Wohnprojekte sichern. Realisiert werden konnten sowohl in ihrer Größe als auch in ihrer lebensweltlichen Orientierung sehr unterschiedliche Einzelprojekte (»Olga Rabiata«, Hamburg) oder auch ganze Wohnblocks (Wohnquartier »Zeisewiesen«, Hamburg-Ottensen). Neue genossenschaftliche Wohnprojekte experimentieren sowohl mit der Eigentumsform als auch mit der baulich-architektonischen Ausgestaltung von Gemeinschaftlichkeit im Wohnungsbau. So werden in Darmstadt in der Genossenschaft »Wohnsinn« Formen des Dauerwohnrechts entwickelt und dadurch eine Kopplung von gemeinschaftlichem Besitz und individueller Verfügung erprobt. Im Züricher Wohnprojekt Karthago wiederum erprobt man flexible Grundrisse. Die intensive Gemeinschaftsorientierung wird dort durch eine gemeinschaftliche, professionell ausgestattete Großküche verstärkt. Die Kosten für die Köchin sind in den Mietnebenkosten enthalten.

Neben den neuen Genossenschaften ist die Entwicklung der Baugemeinschaften ein weiterer wichtiger Impulsgeber für das gemeinschaftliche Wohnen. Die ersten Baugemeinschaften, die ohne einen Bauträger bauen, entstanden Anfang der 90er-Jahre in den Konversionsgebieten Freiburgs und Tübingen-Südstadt und fanden inzwischen in sehr vielen Städten Nachfolger. Vom Ballast organisatorisch unflexibler Strukturen, Traditionen und Ideologien befreit, entfaltet sich hier eine neue Form gemeinschaftlichen Wohnens. Eine der wichtigsten Leistungen der Baugemeinschaften ist, dass sie den lähmenden Gegensatz von individuellem Besitz und Privatheit versus kollektivem Besitz und Gemeinschaftlichkeit durchbrachen. Gerade die selbstinitiativen Baugemeinschaften (oft auch als freie oder private Baugemeinschaften bezeichnet) stellen den aktiven Prozess des Bauens, die Selbstbestimmung und Gruppenentscheidung in den Vordergrund und weniger das Vorhandensein eines »Gemeinschafts«-Raums, in dem sich die Gemeinschaft bilden und entfalten soll. Grundsätzlich unterscheiden sich die neuen Projekte in der Bedeutung, die sie unmittelbar projektbezogenen Gemeinschaftsräumen, aber auch der Schaffung halbprivater, kommunikativer Räume – Höfen, aufgeweiteten Lauben-gängen, Dachterrassen – zumessen; man könnte sogar zwischen »introvertierten« und »extrovertierten« Projekten gemeinschaftlichen Wohnens differenzieren.

»Introvertierte« Projekte sehen sich tendenziell als eine Insel der Gemeinschaft in einer grundsätzlich fremden Umgebung. Dieses Konzept findet seine Entsprechung in den Hofprojekten, deren Grundtypus in zahlreichen Kulturen anzutreffen ist. Bemerkenswerterweise entstehen heute in Holland wieder »nieuwe hofjes«, wie »De Grote Hof« in Pijnacker-Nootdorp, der als ein exemplarisches Beispiel für eine neue Form des gemeinschaftlichen und zugleich abgeschirmten Wohnens sozial relativ homogener Gruppen anzusehen ist. Im Gegensatz hierzu sind etwa die durch die Blockrandbebauung in Tübingen entstehenden halbprivaten Spiel- und Kommunikations- Innenhöfe nicht abgeschirmt, sondern sie spiegeln durch die notwendige einvernehmliche Verständigung über gemeinsame Regeln ihrer Nutzung durch die angrenzenden Baugemeinschaften eindrucksvoll die kulturelle Vielfalt des Stadtteils. Ein Gegenkonzept stellen jene »extrovertierten« gemeinschaftlichen Wohnprojekte dar, die sich bewusst zu den umgebenden Quartieren zu öffnen suchen. Ein sicherlich exponiertes Beispiel hierfür ist der »Verein für integrative Lebensgestaltung« mit den Wohnprojekten »Die Sargfabrik« und »Miss Sargfabrik« in Wien. Es wurden in diesem Projekt nicht nur neue Bauformen erprobt, mit neuen Grundrisstypen und »schrägen« Wänden sowie ungewohnten Raumvolumen, sondern es wurden auch neue Arten eines gemeinschaftlichen und integrativen Wohnens geprüft. Die Einrichtungen reichen vom quartiersoffenen Kinderhaus und der Bibliothek bis hin zur gemeinschaftlichen Dachterrasse, dem Restaurant-Café (Abb. 3) oder dem Badehaus. Inzwischen hat sich mit dem Kulturhaus Sargfabrik ein Ort etabliert, der als kultureller Anker im gesamten Westen Wiens gelten kann. Ein weniger buntes, aber dennoch ebenso beispielhaftes gemeinschaftliches Wohnprojekt entwickelte die Genossenschaft »Wagnis« in München. Im ersten Projekt am Ackermannbogen – ein weiteres entstand ebenfalls dort, ein drittes ist in Planung – wurden mit der durch die Stadt anfänglich subventionierten Nachbarschaftsbörse und dem Café Rigoletto Orte ungezwungener Begegnung und starker Integrationskraft für das gesamte Quartier geschaffen. Zudem überzeugt die kommunikationsfördernde Architektur, etwa durch Boxen im Laubengang und hohe Aufenthaltqualitäten im Außenbereich. Gemeinschaftliches Wohnen bedeutet heute eine neue Form des Ausbalancierens von privaten und öffentlichen Interessen, privatem und gemeinschaftlichem Besitz, individueller Wohnkultur und öffentlichem Raum. Die gemeinschaftlichen Wohnprojekte reagieren unmittelbar auf den gesellschaftlichen Wandel und auch auf den Rückzug sozialstaatlicher Gestaltungsansprüche. Die vielfältigen Formen gemeinschaftlichen Wohnens eröffnen daher neue Perspektiven und Formen der gesellschaftlichen Selbstregulierung und der baulichen Selbstbestimmung.

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.